Taiwans "Botschafter" in Wetzlar

Prof. Dr. Jhy-Wey Shieh:
„Werden unsere Freiheit nicht mehr aufgeben“

Taiwan, die Insel mit ihren 23 Millionen Einwohnern im Chinesischen Meer, keine 200 Kilometer westlich entfernt gelegen vom Festland des „großen Bruders“, hat es in der Staatenfamilie nicht leicht. Von den Nachbarn und von der westlichen Welt nicht zuletzt wegen seiner funktionierenden demokratischen Strukturen geschätzt und gelobt, ist Taiwan „dank" des vom kommunistischen China und seiner Wirtschaftskraft ausgeübten Druckes „auf den Rest der Welt“ von diplomatischer Anerkennung dennoch weit entfernt. Und dabei permanent bemüht, aus dieser misslichen Lage das Beste zu machen.

In Europa unterhält ein einziger „Staat“, der Vatikanstaat, diplomatische Beziehungen zu Taiwan. Alle anderen Länder beugen sich dem Druck Chinas, das Taiwan - früher hieß die, flächenmäßig mit Nordrhein-Westphalen vergleichbare und gut 36.000 Quadratkilometer große Insel „Formosa“ - als abtrünnige Provinz betrachtet und wieder unter seinen Einfluss bringen möchte. Und dabei militärische Gewalt zur Umsetzung dieses Vorhabens nach Goethes Erlkönig-Motto „Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt“ ausdrücklich nicht ausschließt. 1200 an Chinas Südostküste stationierte Raketen sind permanent auf Taiwan gerichtet und sprechen eine eindeutige Sprache.

Taiwan ist ein freies Land

Einer, der in diesen Zusammenhängen genau weiß, wovon er spricht, ist Prof. Dr. Jhy-Wey Shieh, der sich auf Einladung des CDU-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Irmer für zwei Tage informationell in Wetzlar aufhielt und unter anderem in Tasch's Wirtshaus unter dem Titel „Schick, aber mit Mühsal“ vor 80 Zuhörern vom Schicksal Taiwans aus erster Hand berichtete. Shieh ist de facto Botschafter seines Landes in Deutschland, darf sich de jure aber so nicht nennen, sondern hat unter dem Titel „Repräsentant von Taiwan in Deutschland“ seinen Sitz in Berlin. Der 1955 geborene Shieh studierte unter anderem fünf Jahre lang in Bochum. Begleiter bei seinem Besuch in Wetzlar waren Sabine Chin-Ying Weng, Direktorin der Abteilung für Bildung in Taipehs Vertretung in Deutschland, sowie wirtschaftsseitig der Direktor der Wirtschaftsabteilung, Ching-Yun Huang, und der stellvertretende Direktor Ti-Yu Hsueh, beide mit Sitz in Frankfurt.

Seine Schilderung der Situation seines Heimatlandes begann der Botschafter in der Historie. Taiwan/Formosa gehörte von 1895 bis 1945 zu Japan. 1949 verhängte Ciang Kai-shek, der im Bürgerkriegskampf um die Macht in China Mao Zedong unterlegen war und sich auf Formosa zurückgezogen hatte, das Kriegsrecht über die Insel. Ciang Kai-shek starb 1975, das Kriegsrecht aber wurde erst 1987 aufgehoben. „Danach erst haben wir erfahren, was demokratische Freiheiten sind und bedeuten“, bekannte Shieh, der deutschen Sprache mächtig („früher kannte ich von Deutschland nur adidas - dann habe ich gelernt, dass es auch der, die, das gibt“). Seit 48 Jahren ist Taiwan aus der UNO, also aus der Völkergemeinschaft, ausgeschlossen, unterhält laut Shieh aber „semi-diplomatische“ Beziehungen vor allem mit den Ländern der freien Welt. „Deutschland würde Taiwan sofort anerkennen, der Druck Chinas ist aber noch zu groß“, ist sich der Repräsentant sicher.

Taiwan ist wirtschaftlich stark

„Taiwan ist klein, aber demokratisch und wirtschaftlich oho, im Blick auf Halbleiter Weltspitze“, so Shieh, der auf ein deutsch-taiwanesisches Handelsvolumen von 7,2 Milliarden Euro verweist, das somit größer ist als das von Deutschland mit Kanada. Die politische Lage Taiwans schätzt der Botschafter realistisch, sprich schwierig ein. „Wir als kleine Demokratie sind und bleiben ein Dorn im Fleisch Chinas.“ Das Verhältnis Chinas zu seiner "trotzigen kleinen Provinz" bezeichnete Shieh in seinem auch mit reichlich Humor gewürzten Vortrag als „großartig - China ist groß und Taiwan ist artig“.

Allerdings, da ist er sich sicher, werde Taiwan seine Freiheit nicht mehr aufgeben, schon gar nicht als Preis für einen Anschluss an China. „Taiwan versucht, die letzte Flamme des eigentlich freien chinesischen Kulturkreises nicht ausgehen zu lassen, um eines Tages daraus vielleicht wieder einen Leuchtturm werden zu lassen.“ Shieh lobte die neue „indopazifische strategische Allianz“ zahlreicher Anrainerstaaten einschließlich Indiens und Australiens, die sich mit Unterstützung der USA und Europas gegen das Vormachtstreben Chinas im Chinesischen Meer stellt, um die Handelswege offenzuhalten. Denn über das Chinesische Meer verläuft laut Shieh ein Viertel des gesamten Welthandels.

Taiwan ist keine Frage - Taiwan ist die Antwort

Taiwan sei „trotz Benachteiligungen an vielen Stellen“ wirtschaftlich stark, sehe sich ökonomisch mit Japan und Korea auf einer Stufe und investiere in vielen Ländern. „Taiwan bleibt wirtschaftlich innovativ und militärisch stark, weil wir keine andere Wahl haben“, plädierte Prof. Shieh für Freiheit und Demokratie im Gegensatz zu der Machtpolitik Chinas. Taiwan ist im Verständnis der Taiwanesen nicht Teil von China, „weil eine demokratische Insel nicht Teil eines undemokratischen Festland-Chinas sein kann“. Er verneinte auf seine verschmitzte Art auch, dass es eine „Taiwanfrage“ auf der Agenda der Weltpolitik gebe: „Taiwan ist keine Frage - Taiwan ist die Antwort!“

Stationen seines Wetzlar-Aufenthaltes waren weiterhin die Goetheschule einschließlich eines Gesprächsdialoges mit Oberstufenschülern, die Technische Hochschule Mittelhessen in der Spilburg, die Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill - Anbahnung von Beziehungen auf den Feldern Bildung und Wirtschaft nicht ausgeschlossen - sowie ein Empfang im Rathaus mit Bürgermeister Harald Semler.

Über den Autor

Franz Ewert

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