Wetzlar Ende 2022

Stadthaus weg – Domhöfe da?
Negativrekord bei Kinobesuchern

Es ist das Projekt schlechthin und das Projekt, über das in der Stadt Wetzlar heftig gestritten wurde: das Stadthaus am Dom, das aus bautechnischen Gründen abgerissen werden muss. Vermutlich, so sehen es Zeitzeugen, die beim Bau dabei waren, wegen Pfusch am Bau und weil man nicht die Menge Materialien verarbeitete, die fachlich vorgesehen war.

Zeitzeuge berichtet zum Pfusch am Bau

Uns liegt eine handschriftlich angefertigte Protokollnotiz eines damals städtischen Mitarbeiters vor, der über 20 Jahre Angestellter im Bauamt der Stadt Wetzlar war. Wir zitieren aus seinem Schreiben: „Als die Gebietsreform zur Zusammenlegung der Städte Gießen und Wetzlar mit Umland zur Lahnstadt wurde, da sollte noch auf dem Domplatz ein Stadthaus gebaut werden. Es wurde von einem Ingenieurbüro schlüsselfertig erstellt. Der Ingenieur des Hochbauamtes der Stadt Wetzlar, Herr O., machte Baustellenkontrolle, stellte dabei fest, dass beim Bau der Tiefgarage die Statik nicht in Ordnung sei.

Er machte den Magistrat der Stadt Wetzlar darauf aufmerksam. Dieser setzte sich mit dem Ingenieurbüro in Verbindung. Darauf bekam er die Antwort, dies sei alles technisch in Ordnung. Herr O. bekam vom Magistrat der Stadt Wetzlar Baustellenverbot. Die Firma W. sollte im Stadtsaal das Parkett verlegen. Der Facharbeiter kam ins Hochbauamt und sagte, dass der Boden jetzt schon durchhänge. Da könne er das Parkett nicht legen. Wir haben ihm (als Angestellte im Bauamt) gesagt, dass wir Baustellenverbot hätten und er sich an den Magistrat der Stadt Wetzlar oder an das Ingenieurbüro wenden müsse“.

Soweit die Vorgeschichte, die dazu führt, dass jetzt das Stadthaus am Dom abgerissen werden muss. Die seinerzeit Verantwortlichen weilen vermutlich nicht mehr unter den Lebenden, und im Übrigen dürfte die ganze Sache verjährt sind. Den Schaden hat einmal mehr der Steuerzahler.

Geplant sind bekanntermaßen - nach dem Abriss in hoffentlich kleinteiligerer Form als das bisherige Stadthaus -die Domhöfe, ein Kinokomplex mit sechs Sälen mit 80 bis 180 Plätzen, die teilweise multifunktional nutzbar sein sollen. Nach Auffassung der Mehrheit der Stadtverordneten des Wetzlarer Stadtparlaments, aber auch nach Auffassung vieler aus der Wetzlarer Geschäftswelt, wären die Domhöfe ein Beitrag zur Belebung der Stadt. Dazu muss ein neues Parkhaus gebaut werden, das an der Stelle des Kindergartens Marienhort errichtet werden soll, so dass der Kindergarten und mit ihm die Freianlage beseitigt werden. Eine Entscheidung, die vielen nicht gefällt.

Finanzruine oder nicht?

Diese Frage wird man sicherlich heute nicht abschließend beantworten können. Sicher ist, dass die Betreiber des Domhofes mit den Kinos alles daransetzen werden, Menschen in die Stadt zu holen, das Ganze als „Event“ zu organisieren. Dazu gehören u.a. komfortabel ausgestattete Kinosäle und anderes mehr. Die spannende Frage wird gleichwohl sein, ob man nicht den Zenit des Kinobesuchs überschritten hat, wenn man weiß, dass im Jahr 2001 rund 178 Millionen Eintrittskarten verkauft wurden, es in den Jahren 2016 und 2017 nur gut 120 Millionen waren und im Jahr 2018 etwa 100 Millionen. Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig. Es mag am heißen Sommer gelegen haben, es mag an der WM gelegen haben, am fehlenden attraktiven Filmangebot oder der immer größer werdenden Konkurrenz der Streaming-Dienste wie Netflix oder andere.

Ob diejenigen, die abends zum Kinobesuch ermuntert werden sollen, am Nachmittag dann die Wetzlarer Altstadt bevölkern im Sinne der Altstadtgeschäfte, der Altstadt insgesamt? Es wäre zu wünschen, aber das Risiko bleibt. Vielleicht hätte man sich ein klein wenig mehr Zeit nehmen können oder auch müssen, um über andere nachhaltigere Konzepte nachzudenken.

Über den Autor

Hans-Jürgen Irmer
Hans-Jürgen Irmer
Bundestagsabgeordneter der CDU Lahn-Dill
Herausgeber Wetzlar Kurier
Aktuelle Ausgabe3/2019