Neue Bildungsstudie Pisa kommt zum Ergebnis:

„Sturzflug bei den Lernleistungen“
Was ist die Pisa-Studie?

„Sturzflug bei den Lernleistungen“, „Der neue Pisa-Schock“, „Lage an den deutschen Schulen verschlechtert sich dramatisch“, „Die niedrigsten Ergebnisse, die jemals gemessen wurden“, so lauten die Überschriften bei der aktuellen Pisa-Studie.

Was ist die Pisa-Studie?

Seit dem Jahr 2000 werden weltweit in der Regel 15-jährige Schüler bezüglich ihrer Kompetenzen im Bereich Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften geprüft. Insgesamt haben bei der aktuellen Pisa-Studie rund 760.000 Schüler aus 91 Staaten teilgenommen. In Deutschland waren es 6700 Schüler an rund 250 Schulen.

Erschütterndes Ergebnis

In allen drei untersuchten Kerndomänen erreichen die 15-jährigen Schüler in Deutschland die geringsten Kompetenzwerte seit Beginn der Pisa-Erhebungen, so ein Satz in der Studie. 33 Prozent der 15-Jährigen fehlen im Lesen und in Mathematik grundlegende Fähigkeiten, die sie benötigen würden, um Anforderungen in Ausbildung, Beruf und Alltag bewältigen zu können. 25 Prozent der Schüler haben im Bereich der Naturwissenschaften eingeschränkte Kompetenz. Besorgniserregend, dass der Anteil der Jugendlichen, die keinerlei ausreichende Basiskompetenzen mehr erreichen, gestiegen ist.

Gründe für den Absturz

Darüber könnte man Bücher schreiben. An dieser Stelle soll nur stichwortartig auf einige Punkte eingegangen werden, die ursächlich mitverantwortlich sind. Seit Jahren beispielsweise ist festzustellen, dass aktuell etwa 20 Prozent der Grundschüler die Mindeststandards im Lesen und Rechnen verfehlen, 33 Prozent in der Rechtschreibung. Logisch, dass sich dies in den weiterführenden Schulen fortpflanzt. Professor Zierer von der Uni Augsburg weist auf Migration, überzogene Digitalisierung und Nivellierung ebenso hin wie auf die fehlende Homogenität in den Schulklassen, was die Zusammensetzung angeht, anders ausgedrückt Heterogenität als Problem.

Die Bildungspublizistin Christine Brinck weist auf die völlig überzogene Inklusion hin. Bundesbildungsministerin Karin Prien macht Zuwanderung als ein Thema ebenso aus wie Erziehungsdefizite in den Elternhäusern oder auch der negative Einfluss der sozialen Medien.

Zuviele Quereinsteiger

Aber es gibt auch sehr viel pragmatische Probleme. Wir haben heute in Deutschland zu viele Menschen, die als Quereinsteiger in den pädagogischen Beruf eingestiegen sind und zu einem hohen Prozentsatz nicht über die Professionalität verfügen, die ein ausgebildeter Lehrer logischerweise hat. Sie sind nötig geworden, weil je nach Berechnung zwischen 50.000 und 80.000 Lehrerstellen fehlen. Bundesweit gibt es etwa eine Million Lehrkräfte für die allgemeinbildenden Fächer und 77.000 für die berufsbildenden Fächer bei ca. 8,8 Millionen Schülern.

Diese Fachlücke könnte man schließen, wenn man die Gewährung von Teilzeit deutlich reduzieren würde. Wir leisten uns in Deutschland den Luxus, dass fertig ausgebildete Fachlehrer teilweise aufgrund von Work-Life-Balance mit 60, 70 oder 75 Prozent der Unterrichtsstunden und entsprechend geringerem Gehalt völlig zufrieden sind. Sie wählen als Start also dieses individuelle Wohlgefühl (natürlich gibt es auch gute Gründe für Teilzeit). Diese fehlenden Stunden/Lehrerstellen versuchen die Kultusminister zu kompensieren durch Quereinsteiger. Auch dort gibt es ohne jeden Zweifel gute Kräfte. Aber der Anteil der Quereinsteiger/Seiteneinsteiger ist entschieden zu hoch. Man könnte auf die Art und Weise, wenn man Teilzeit restriktiver handhaben würde, mindestens 50.000 Vollzeitstellen heben. Aber da traut sich kein Kultusminister heran.

Verantwortung der Elternhäuser

Auch die Elternhäuser sind in der Verantwortung. Lehrermobbing beim gemeinsamen Abendessen, so es das überhaupt noch gibt, ist ein beliebter Volkssport. Ergo sinkt der Respekt Jugendlicher vor Pädagogen, wenn sie zu Hause überspitzt formuliert als Deppen dargestellt werden. Das hat Auswirkungen auf Schule, auf das Klima, auf Respekt. Und wenn im Jahr 2024 leider 1280 Fälle von Körperverletzung gegenüber Lehrern in Deutschland registriert werden mussten, ist das mehr als ein Alarmsignal. Hinzu kommen Beschimpfungen, Drohungen und anderes mehr. Spätestens hier würde sich manch ein Pädagoge wünschen, dass die Dienstvorgesetzte Behörde inklusive Staatliche Schulaufsicht, inklusive Ministerium, bundesweit gesehen, mehr Mut aufbringen würden, renitenten Schülern klarzumachen, dass es so nicht weitergehen kann und entsprechende Konsequenzen gezogen werden.

In migrantisch geprägten Schulen wird Lehrerinnen gegenüber häufig genug ohnehin kaum Respekt entgegengebracht, weil in bestimmten Ethnien die Rolle von Frau und Mann sehr unterschiedlich betrachtet wird.

Kitas müssen auf Schule vorbereiten

Ein Ergebnis ist die Forderung einer radikalen Umkehr, wonach Kitas als Bildungseinrichtungen definiert werden müssen mit dem Ziel, die Kinder auf die Grundschule vorzubereiten. Dass dazu entsprechendes Personal und die entsprechende Ausstattung notwendig sind, wird nicht erwähnt, ist aber die Grundvoraussetzung. Das Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien der TU München fordert daher, Kleinkinder gezielt zu fördern und verpflichtende Sprachtests im Alter von vier Jahren. Der Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung, Marcus Hasselhorn, hält die bedürfnisorientierte Erziehung im Kindergarten für falsch. Statt Bedürfnisse müssten Bedarfe die Leitlinie pädagogischen Handelns sein, die Kinder naturgemäß nicht selbst erkennen können. In die gleiche Kerbe schlägt Heike Schmoll, die deutlich macht, dass es nicht um eine frühzeitige Verschulung der Kindheit geht, sondern um ein Höchstmaß an kindgerechter Zuwendung. Freies Spielen werde die Sprachdefizite so wenig beheben wie motorische Entwicklungsrückstände.

Ausländische Eltern in die Pflicht nehmen

Heike Schmoll, seit Jahrzehnten Bildungskorrespondentin in der FAZ, hat darüber hinaus formuliert, dass leider in vielen Elternhäusern kein Deutsch gesprochen werde. Es gebe kaum noch Vorlesen, wenig intellektuelle Anregungen und zu viel digitale Ablenkungen unterschiedlichster Art.

Alle Maßnahmen, die in der Summe überlegenswert sind, führen jedoch nicht zum Erfolg, wenn man nicht die Eltern ausländischer Kinder einbezieht. Wenn sie nach Deutschland kommen wollen, wir reden hier von den Berechtigten, dann müssen sie nachweislich deutsch lernen. Ob ein Kind mit Migrationshintergrund in der Grundschule vier oder fünf Stunden die Woche Deutsch hat, ist relativ unerheblich, wenn den Rest des Tages eine andere Sprache gesprochen wird. Deshalb müsste der Staat als eine Bedingung zum Aufenthalt in Deutschland die Bereitschaft einfordern, deutsch zu lernen. Dies dient im Übrigen ganz banal formuliert auch einer guten Integration.

Kognitive Fähigkeiten gehen zurück

Falk Huettig, Professor am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, kommt zum Ergebnis, dass angesichts der Tatsache, dass wenn die Lese- und Schreibfähigkeit in der Gesellschaft abnimmt, es sehr wahrscheinlich sei, dass auch die kognitiven Fähigkeiten in der Bevölkerung im Schnitt zurückgehen. Die Literalität, also die Lese- und Schreibkompetenz, verbessere nicht nur die mündliche Kommunikation, sie sei auch ein Verstärker für elementare kognitive Leistungen, die über die Sprache hinausgehen. Lesen zu können, steigere die Fähigkeit, Objekte und Gesichter zu erkennen. Es erhöhe die Aufmerksamkeit, stärke das Gedächtnis, fördere das logische Denken und die Argumentationsfähigkeit sowie das Abstraktionsvermögen als Basis rationalen Denkens. Der bruchstückhafte Schreibsprech in Chats in den sozialen Medien ersetze nicht ansatzweise die Lektüre anspruchsvoller Texte und Bücher. Das Gleiche gelte im Übrigen auch für das digitale Lesen, bei dem man weniger als beim Lesen gedruckter Texte konzentriert sei.

Digitales Arbeiten – pädagogische Katastrophe

Zu den Siegerstaaten gehört Estland, das führend im Bereich der Digitalisierung ist, diese Digitalisierung aber nur einsetzt, wenn es einen echten Mehrwert bietet. Man setzt dort verstärkt auf Lesen, Schreiben und Leistung.

Fehlgeleitetes Geld

Wenn die Bundesregierung ein sogenanntes „Startchancen-Programm“ auflegt, bei dem 4000 aufgrund von Sozialindices ausgewählte Schulen zusätzliche Fördermittel beantragen können, dann macht das so lange keinen Sinn, so lange das Geld für Schulen vorgesehen ist, die digitaler, klimafreundlicher oder integrativer werden sollen. Klimafreundlichkeit hat mit dem Leistungsgedanken nichts zu tun. Und es sollte sich herumgesprochen haben, dass integrativer Unterricht bedeutet, noch mehr unterschiedliche Schüler in viel zu wenig homogenen Unterrichtsgruppen zu haben. Wenn man in Schulklassen normal begabte Schüler hat, weniger intellektuell begabte, verhaltensgestörte Kinder mit Erziehungsdefiziten, Verhaltensauffälligkeiten, partiell geistiger Behinderung, kombiniert mit Kindern aus unterschiedlichsten Ethnien, unterschiedlichen Vorstellungen über den Wert von Bildung, über die Rolle von Frau und Mann, mit sprachlich kaum vorhandener Ausdrucksmöglichkeit, dann muss sich niemand (!) wundern, dass Pädagogen bei aller Qualität völlig überfordert sind, am Ende einer Unterrichtsstunde inhaltlich das vollbringen zu können, was der Lehrplan eigentlich vorsieht.

Was brauchen wir?

Wir brauchen Mut zur Leistung, Mut zu Law & Order im Unterricht. Fleiß und Disziplin, Pünktlichkeit sind keine veralteten Tugenden. Sie sind genauso notwendig wie Höflichkeit und Respekt Mitschülern und Pädagogen gegenüber. Wir brauchen das Bekenntnis zu Eliten auf allen Ebenen, ob handwerkliche, intellektuelle, musische, sportliche oder sonstige Eliten. Wir brauchen weniger Digitalisierung, keine Handys im Unterricht, weder in der Grundschule, so wie in Hessen dankenswerterweise beschlossen, noch in den weiterführenden Schulen. Wir brauchen die Bereitschaft, renitenten Schülern gegenüber ebenso die Grenzen aufzuzeigen wie den Eltern, die meinen, alle Problemlösungen für die eigenen Kinder bei den Pädagogen abladen zu können. Wir brauchen Schulleitungen, Schulaufsicht und Kultusbehörden, die hinter ihren Pädagogen stehen.

Wir brauchen den Mut zur Erziehung und die entsprechende fachliche Ausstattung von Kitas, Grundschulen und weiterführenden Schulen, sonst wird sich der Abwärtstrend weiter beschleunigen, und dann geht es um die Zukunft Deutschlands, oft genug gesagt. Rohstoffe haben wir kaum. Der Rohstoff, den wir hatten, ist gute Bildung. Diesen Rohstoff gilt es wieder zu heben. Kosmetik, sprich Leistungsabsenkungen, und Traumnoten lösen unser Problem nicht.

Hans-Jürgen Irmer war 20 Jahre, zuletzt als Oberstudienrat, im hessischen Schuldienst u.a. am Weilburger Gymnasium Philippinum, sowie der Eichendorffschule und dem Goethegymnasium Wetzlar tätig und danach 15 Jahre bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Hessen

Über den Autor

Hans-Jürgen Irmer
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Herausgeber Wetzlar Kurier

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