Gefährdet Führerscheinreform die Fahrsicherheit?

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Die Führerscheinkosten ergeben sich aus der Kalkulation der Fahrschulbetreiber und der Motivation der Fahrschüler. Die Kalkulationen sind seit einigen Jahren geprägt von deutlich höheren Betriebsausgaben. Neben stark gestiegenen Kraftstoffkosten und höheren Lohnkosten für Fahrlehrer müssen Fahrschulen heute zudem einen deutlich größeren und moderneren Fuhrpark als noch vor einigen Jahren vorhalten, was Anschaffung, Wartung und Versicherung zusätzlich verteuert. Die Motivation der Schüler ist in der heutigen Zeit eine andere wie noch vor 10, 20 oder 30 Jahren. Die Gründe dafür sind vielfältig und in vielen Fällen auch plausibel.

Die Wetzlarer Fahrlehrer Hans Seiler und Jens Becker unterstützen grundsätzlich jedes Vorhaben, das zu einer spürbaren finanziellen Entlastung der Fahrschülerinnen, Fahrschüler und den Fahrschulen führt. Skeptisch werden die Fachleute jedoch, wenn Kostensenkungen durch Maßnahmen erreicht werden sollen, die aus fachlicher Sicht nicht geeignet sind, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen – oder mit hoher Wahrscheinlichkeit mit erheblichen Risiken für die Verkehrssicherheit verbunden sind.
Genau diese Befürchtung haben die beiden Wetzlarer Fahrlehrer im Hinblick auf die Reformpläne von Verkehrsminister Patrick Schnieder.

Die Folgen der Zurückhaltung in Bezug auf die Führerscheinreform schildert Jens Becker von der zertifizierten Fahrschule Becker GmbH aus Wetzlar wie folgt und bezieht sich dabei auf eine Umfrage der Moving International Road Safety Association e.V.:
Wenn die Neuanmeldungen stagnieren, droht bis 2027 ein massiver Ausbildungsstau mit bis zu 500.000 nicht abgelegten Prüfungen. Dadurch könnten insgesamt bis zu 1,5 Millionen praktische Prüfungen im Jahr 2027 anfallen, ähnlich wie in der Corona-Zeit. Aus dieser Zeit wissen wir, dass dieser Ausbildungsstau nicht kurzfristig abgearbeitet werden kann. Statt sinkender Preise wäre eher mit einer Preisexplosion zu rechnen.
Ein wirklicher Plan zur Kostensenkung ist nach Meinung der beiden Fahrlehrer bisher nicht in Aussicht und das Warten auf einen günstigen Führerschein macht definitiv keinen Sinn.

Der Wegfall des Präsenzunterrichtes wäre fatal!
Werden bewährte Elemente wie der Präsenzunterricht abgeschafft, droht die Verkehrssicherheit ins Hintertreffen zu geraten und das Ziel der „Vision Zero“ (Null Verkehrstote) wäre gefährdet. Die direkte Interaktion zwischen Fahrlehrern und Fahrschülern sowie der Austausch in der Gruppe fördern nachhaltiges Lernen und ein besseres Verständnis komplexer Verkehrssituationen bestätigt Hans Seiler.

Beide Fahrlehrer berichten: Gerade bei typischen Durchfallgründen in der praktischen Prüfung – wie Vorfahrt, richtiges Verkehrsverhalten und Situationsbewertung zeigt sich die Wichtigkeit, dass diese Kompetenzen besonders intensiv im Präsenzunterricht vermittelt und trainiert werden. Ein Verzicht darauf oder das einfache Auswendiglernen könnte sich daher langfristig negativ auf die Sicherheit im Straßenverkehr auswirken. Des Weiteren unterstützt der Theorieunterricht in Präsenz zielführend die theoretischen Lernziele und behandelt individuell die Wissenslücken der Schüler.
Eine Reduzierung des Fragenkataloges kann nicht die Lösung für bessere Prüfungsergebnisse sein! Die Mitarbeiter der beiden Wetzlarer Fahrschulen überwachen die Lernstände der Schülerinnen und Schüler permanent und erzielen damit eine Bestehensqoute weit über dem Bundesdurchschnitt.

Bedenken zur Laienausbildung

Die geplante Ausbildung durch Laien ist in keiner Weise mit der in Österreich zu vergleichen! In Österreich wird der Schüler vor der Laienausbildung mit 32 Unterrichtseinheiten (je 50 Minuten) in der Theorie und zwölf praktischen Unterrichtseinheiten (je 50 Minuten) geschult das ist viel umfangreicher wie es aktuell und künftig für Deutschland vorgesehen ist.

Auch wenn die Laien vorab geschult werden sollen…?
...ist zu befürchten, dass es womöglich eher um eine Erhöhung der Fahrstunden kommen könnte.

Grund: Die höchstwahrscheinlich dann eingeschlichenen Fahrfehler wegen fehlender Fachkenntnisse (z.B. ein Schulterblick, doppelte Rückschaupflicht etc…) müssten wieder prüfungsreif ausgeglichen werden, dies bestätigt die Erfahrung der beiden Fahrlehrer. Bei Führerscheinerweiterungen z.B. beim Erwerb der Motorrad- oder Lkw Fahrerlaubnis ist dies sehr häufig zu beobachten. Zudem wird hier die psychische Belastung einer Ausbildung im Fahrzeug unterschätzt. Ohne fundierte Lehre wird Wissen nicht besser, sondern tendenziell oberflächlich weitergegeben.
Im Jahr 2019 kam es während der Laienausbildung in Österreich fast wöchentlich zu Unfällen mit Personenschaden (Quelle: ÖAMTC), konkretere aktuelle Statistiken liegen nicht vor! Eine Doppelpedalerie ist bei der Laienausbildung nicht vorhanden und Lenkeingriffe vom Laienausbilder nicht erlaubt.

Die beiden Wetzlarer Fahrlehrer sind sich einig und fordern wie auch die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände eine Neubewertung der Reformpläne mit wissenschaftlicher Analyse sowie einen strukturierten Dialog mit der Branche – leider ist gerade der strukturierte Dialog bislang nicht ausreichend erfolgt!

(Quellenangabe: Unfälle mit Personenschäden ÖAMTC)

 

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