Zensur in Berlin

„Wer Kunst übermalt, verbrennt auch Bücher“

In Verantwortung von SPD-Justizminister Heiko Maas ist in der vergangenen Legislaturperiode das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz eingeführt worden. Dieses will in den sozialen Netzwerken die Anbieter verpflichten, verunglimpfende und hasserfüllte Kommentare zu löschen. Dieses Ansinnen ist richtig und wichtig. Problematisch ist jedoch, dass nun nicht mehr Gerichte darüber entscheiden, was rechtswidrig ist, sondern Angestellte von Social Media. Immer öfter stehen wir deshalb vor der Herausforderung, dass dafür nicht ausgebildete Personen Meinungs- und Kunstfreiheit einschränken. Für einen Rechtsstaat eine mehr als problematische Situation.

Auch an den Universitäten spielt sich Bedenkliches ab. Universitäten sollten eigentlich ein Hort der wissenschaftlichen und künstlerischen Freiheit sein. Horte der Freiheit des Denkens, des Forschens und der Lehre. An der Berliner Alice-Salomon-Hochschule gilt dies offensichtlich nicht mehr.

An der Fassade der Hochschule prangt seit einigen Jahren in großen Buchstaben auf spanisch das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer aus dem Jahr 1953, das übersetzt wie folgt heißt:

„Alleen

Alleen und Blumen

Blumen

Blumen und Frauen

Alleen

Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und

ein Bewunderer“

Der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) der Hochschule hat nun die Übermalung dieses Liebesgedichtes verlangt, weil amtierende Feministinnen an der Hochschule sich durch die Zeilen in ihrer Weiblichkeit degradiert und in sexistischer Manier diskriminiert und entwürdigt fühlten. Der Akademische Senat der Berliner Hochschule hat daraufhin beschlossen, dieses „sexistische“ Gedicht übermalen zu lassen.

Die Buchautorin und Journalistin Birgit Kelle schrieb dazu: „Ein unguter Geist zieht ein in unserem Land. Die Lust an der Zensur wächst Seite an Seite mit der Überempfindlichkeit einer Generation, die nicht mehr in der Lage scheint, abweichende Meinungen auszuhalten. Da wird Lyrik zur Beleidigung, Gegenmeinung zu „Hass“ – werden Fakten zu Hetze“. In einem bemerkenswerten Artikel im „ideaSpektrum“, Ausgabe 5/2018 fährt sie fort: „Wer Kunst übermalt, verbrennt auch Bücher, weil sie falsche Worte enthalten, von falschen Autoren stammen oder falsche Meinungen verbreiten. Der lässt auch Kunstwerke und Kirchen niederreißen. Es ist der gleiche Geist, der hier sein Unwesen treibt. Die Diskurs-Verweigerer, die Gedankenkonformen und die nichtgestörtwerdenwollenden Kleingeister sind gerne unter sich.“

Jesus wäre wohl gesperrt worden

Gut, so Kelle, dass es vor 2000 Jahren noch kein Facebook gab. Jesus wäre sicherlich gesperrt worden, denn es war ja unerhört, was dieser Mann von sich gab. Und die Bibel hätte es weltweit nie auf die Bestsellerliste geschafft. Oder nur mit der Warnung: „Achtung, Teile dieses Buches könnten Sie nachhaltig beunruhigen.“

Den Kommentaren Kelles ist nichts hinzuzufügen.

Über den Autor

Hans-Jürgen Irmer
Hans-Jürgen Irmer
Bundestagsabgeordneter der CDU Lahn-Dill
Herausgeber Wetzlar Kurier
Aktuelle Ausgabe12/2018