"Di Rächtschraibungs-Kapitulazion"
Leerer sollen Feler nicht mer zälen

Rund 80 Prozent befragter Eltern geben bei einer Umfrage als wichtigstes Ziel einer Schulbildung „gute Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik“ an. Damit haben sie ohne jeden Zweifel recht. Diese Zielsetzung steht allerdings in eklatantem Widerspruch zu einer bundesweiten Vereinbarung zur Vereinheitlichung von Prüfungsbedingungen unter den Kultusministerien der Bundesländer. Danach ist die Anzahl von Rechtschreibfehlern pro Text nicht mehr entscheidend für die Note im Deutsch-Abi oder in Aufsätzen.

Kinder als bedauernswerte Versuchskaninchen

Wenn in jüngsten Studien übereinstimmend, ob von IGLU, PISA, ob von IQB festgestellt wird, dass die Studierfähigkeit der Abiturienten in den letzten Jahren und Jahrzehnten drastisch eingebrochen ist, die Grundkenntnisse in Mathematik und Deutsch bei Lehrlingen überschaubar geworden, die Abbrecherquoten in beiden Bereichen dramatisch gestiegen sind, so muss das ernstlich niemanden verwundern. Der Sündenfall war 1996 die sogenannte Rechtschreibreform, von der einige als Beitrag zur Analphabetisierung gesprochen haben.

Das Leistungsprinzip wurde negiert. Diktatschreiben war Ausdruck reaktionärer Bildungspolitik, Vokabeltests verpönt. Die Rechtschreibbewertung wurde gelockert. Das Eignungsprinzip für den Besuch einer weiterführenden Schule existiert nicht mehr. Genderblüten, der Bannfluch über Wörter, die angeblich diskriminieren, die Abschaffung der gebundenen Handschrift an vielen Grundschulen oder das jahrelang praktizierte Lernexperiment „Schreiben nach Gehör“. All dies hat zu einem drastischen Leistungsabfall ebenso geführt wie eine völlig überzogene Inklusion und ein hoher Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, die nicht in der Lage sind, deutsch perfekt zu sprechen.

Das Bundesverfassungsgericht hat im Jahr 2023 über eine Verfassungsbeschwerde verhandelt, bei der es darum ging, dass jemand die Rechtschreibleistungen im Abiturzeugnis wegen Legasthenie nicht bewertet haben wollte. Erfreulich, dass das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil die Bedeutung der Rechtschreibung im Abitur stärkt. Es heißt in der Randnummer 84, dass sich „die Aufgabe der schulischen Vermittlung von Rechtschreibregeln und deren Bewertung… durch die Entwicklung selbstlernender Rechtschreibprogramme nicht überholt“ habe. Außerdem gebe es „viele Berufe, in denen die Rechtschreibung nicht vollständig an Korrekturprogramme delegiert werden kann, sondern eine eigenständige orthographische Kompetenz notwendig ist“.

Deutlich auch die Formulierung „die Beherrschung der Rechtschreibregeln… ist notwendig, um Wörter in ihrer wiederkehrenden Gestalt schnell, ganzheitlich und in ihrer richtigen Bedeutung erfassen zu können. Bei fehlender orthographischer Kompetenz ist die Lesefähigkeit hingegen eingeschränkt, weil die Wörter zunächst auf der „Einzelbuchstabenebene“ erschlossen werden müssen und es bei lautgleichen Wörtern zu Missverständnissen hinsichtlich ihrer Bedeutung kommen kann.“

Um es im Klartext zu formulieren: Fehlende Rechtschreibfähigkeiten bedeuten reduzierte Lesekompetenz. Reduzierte Lesekompetenz bedeutet Verminderung sinnerfassenden Lesens. Die fehlende Kompetenz, sinnerfassend lesen zu können, bedeutet weniger Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, bedeutet weniger Chancengleichheit bei der Ausbildung, und zwar unabhängig ob im Studium oder in der Lehre. Wenn kürzlich darüber geklagt wurde, dass die Durchfallquoten nach Eignungstests beispielsweise bei der Polizei oder in der Privatwirtschaft gestiegen sind, so wundert das genauso wenig wie die Durchfallquoten bei der Theorieprüfung beim Führerschein. Hier scheiterten sage und schreibe 45 Prozent der Betroffenen.

Viele Ausländer ohne Bildungsabschluss

Im letzten Jahr, so das Bundesfamilienministerium, hätten 52 Prozent aller Ausländer im Alter zwischen 20 und 34 Jahren keinen (!) beruflichen Bildungsabschluss gehabt. Unter den Deutschen derselben Altersgruppe sind es 29,2 Prozent. Der Migrationsanteil ist hier nicht berücksichtigt, weil nicht gesondert erfasst. Auch diese Zahl ist dramatisch zu hoch.

Langfristige Probleme

Das langfristige Problem für diese Gesellschaft besteht darin, dass diejenigen, die über keinen beruflichen Qualifikationsabschluss verfügen, in der Regel zumindest in einem Lohnsektor unterwegs sind, der es ihnen kaum ermöglicht, im Alter eine auskömmliche Rente zu beziehen. Mit anderen Worten: Die Allgemeinheit Steuerzahler wird zur Kasse gebeten mit entsprechenden finanziellen Belastungen. Es sind in der Regel auch die Menschen, die häufig mangelnde Lesekompetenzen haben. Und das wiederum bedeutet, Wiederholung von eben, weniger Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, weniger Bildung, weniger Kenntnisse und deutlich mehr Manipulierbarkeit, weil Grundlagenwissen fehlt.

Wer nicht in der Lage ist, gesellschaftspolitische Zusammenhänge einzuordnen, historische Entwicklungen im Kontext zu sehen, der läuft Gefahr, leichtgläubig das aufnehmen zu müssen, was ihm irgendwelche Heilsbringer, ob von Linksaußen oder Rechtsaußen, nahebringen. Fehlende Bildung als Gefahr für diese Gesellschaft. Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg. Und das geht nur mit Leistung, mit Anstrengung, mit Disziplin. Bildung ist die Grundvoraussetzung für beruflichen Aufstieg und gesellschaftliche Teilhabe.

Über den Autor

Hans-Jürgen Irmer
Hans-Jürgen Irmer
Herausgeber Wetzlar Kurier

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