Wie wird jüdischen Schülerinnen und Schülern in Hessen
der Zugang zu religiöser Bildung ermöglicht?

Im Bereich der öffentlichen Schulen findet der jüdische Religionsunterricht nachmittags in Kooperation mit den Jüdischen Gemeinden statt und ist vom Kultusministerium anerkannt. Damit ist er gleichgestellt mit evangelischem oder katholischem Religionsunterricht. In Frankfurt gibt es außerdem eine Jüdische Schule.

Welche Ressourcen und Materialien stehen Schulen zur Verfügung, um jüdische Geschichte und Gegenwart zu unterrichten?
Bis heute wird jüdische Geschichte oft auf Holocaust und Antisemitismus reduziert – Israel kommt fast gar nicht vor. Das verfestigt ein Opferbild. Jüdische Geschichte ist jedoch Teil deutscher Geschichte und muss als solche vermittelt werden. Lehrkräfte können auf die kommentierte Materialsammlung von Zentralrat und Kultusministerkonferenz zurückgreifen. Doch Schulbücher müssen dringend nachbessern. Denn Juden sind keine „Fremden“, sondern integraler Bestandteil unserer Gesellschaften. Mehr noch: das Judentum ist ein wesentliches Fundament unserer Werte- und Gesellschaftsordnung. Das wissen selbst die meisten Lehrer nicht.

Ist die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ausreichend?
Die Erinnerung bleibt zentral, darf aber nicht zur reinen Geschichtslektion erstarren. Schüler müssen verstehen, wie Ausgrenzung und Hass funktionieren und warum diese Mechanismen heute noch wirken. Holocaust-Bildung darf sich nicht nur auf Deutschland beziehen, sondern muss auch Schüler mit Migrationsgeschichte ansprechen. Und sie muss mit Demokratiebildung verzahnt sein: Antisemitismus bedroht die gesamte Gesellschaft.

Welche Rolle spielen aktuelle Entwicklungen?
Seit dem 7. Oktober hat sich Antisemitismus massiv verschärft – auch an Schulen. RIAS Hessen dokumentierte 2023 über 500 Fälle, davon viele in Bildungseinrichtungen. Jüdische Schüler sind zunehmend Anfeindungen ausgesetzt und verbergen darum ihre jüdische Identität, ziehen sich zurück oder wechseln gar an die jüdische Schule in Frankfurt.

Was brauchen Schulen, um nachhaltig gegen Antisemitismus vorzugehen?
Lehrkräfte müssen Antisemitismus erkennen, benennen und konsequent handeln – auch beim israelbezogenen Antisemitismus, der derzeit die massivste Form darstellt. Dazu gehört zwingend die Vermittlung von Kenntnissen über jüdische Geschichte, Gegenwart und Israel. Wer in Lehrplänen Germanen und Kaiser behandelt, muss noch vielmehr Israel und den Nahostkonflikt thematisieren - sonst beziehen die Jugendlichen ihr Scheinwissen von TikTok, Instagram und Konsorten und verfallen schnell antisemitischen Narrativen.

Wissen und Handlungskompetenz gehören verpflichtend in alle Phasen der Lehrerausbildung, unabhängig vom Fach. Prävention und Intervention sind Querschnittsaufgaben – vom Sportlehrer bis zur Geschichtslehrerin. Aber auch Schulleitungen müssen Verantwortung übernehmen und das Thema prioritär behandeln. Wir erleben stattdessen oft ein Verleugnen, Abwiegeln oder Wegducken, anstatt sich den Herausforderungen mutig zu stellen.

Wie sieht Antisemitismus im Alltag von Schulen aus?
Von Hakenkreuzen über Intifada-Aufrufe bis zu durchgestrichenen Davidsternen. Von Beleidigungen über Mobbing zu körperlicher Gewalt. Das antisemitische Arsenal ist reichhaltig. Häufig wird dabei zu zögerlich gehandelt – ein fatales Signal, das Antisemitismus normalisiert und jüdische Schüler entmutigt. Schulen dürfen nicht länger wegsehen.

Welche Irrtümer herrschen über Antisemitismus an Schulen?
Viele glauben, ohne jüdische Schüler gäbe es kein Problem. Das Gegenteil ist der Fall: Antisemitismus funktioniert auch ohne Juden, etwa in Verschwörungsnarrativen, bei der Suche nach Sündenböcken, in der Abwehr von Verantwortung. Deshalb muss er immer benannt und bekämpft werden. Denn Bagatellisierungen zerstören Vertrauen und fördern Demokratiefeindlichkeit.

Welche Rolle spielen Social Media?
Die sozialen Netzwerke sind ein Epizentrum des Judenhasses – von „Witzen“ über gezielte Desinformation bis zu Gewaltaufrufen. Außerdem wird Israel, der Judenstaat, unablässig dämonisiert und zum Jude unter den Staaten gemacht. Doch gerade hier werden Jugendliche am stärksten beeinflusst, bilden antisemitische Fehlvorstellungen aus und radikalisieren sich im schlimmsten Fall. Deshalb ist die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz unverzichtbar – für Schüler ebenso wie für Lehrkräfte. Kritisches Denken und die Fähigkeit, Narrative zu hinterfragen, sind Grundbedingungen einer wehrhaften liberalen Demokratie.

 

Interview mit Daniel Neumann,

Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen

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