Necla Kelek fordert Paradigmenwechsel im Umgang mit Flüchtlingen, Migranten, Neubürgern und Gästen

„Erfolgsmodell Deutschland schützen, bewahren und ausbauen“

Als „mutige, bekennende Muslima, vor der man ob ihres Wirkens und Engagements den Hut ziehen muss“, begrüßte der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des CDU-Kreisverbandes Lahn-Dill, Hans-Jürgen Irmer, vor 70 interessierten Zuhörer im Michel Hotel die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek zu einem „Grundsatzvortrag“ zum Thema „Kopftuch“, ein Kleidungsstück, das in Deutschland ebenso emotional wie missverständlich diskutiert wird. Mit zehn Jahren ist Kelek nach Deutschland gekommen, hat Volkswirtschaft und Soziologie studiert und zum Thema „Der Islam im Alltag“ promoviert. In Sachen „Islam in Deutschland“ sollen und müssen laut Kelek nicht, wie bisher, ausschließlich die orthodoxen Islamverbände zum Diskurs eingeladen, angehört und einbezogen werden, auch die Stimmen der liberalen Islamverbände benötigten dringend eine Plattform. Irmer sieht eine seiner politischen Aufgaben darin, genau dieser Notwendigkeit Rechnung zu tragen.

Kopftuch keine religiöse Pflicht

„Frauen aus dem traditionellen Islam haben große Schwierigkeiten, in Deutschland anzukommen“ stellt Necla Kelek fest. Das habe direkt mit dem Islam zu tun, laut Referentin „eine der rechtlosesten Religionen, was die Frauen betrifft, weil der Islam streng zwischen Männern und Frauen trennt“. Einschließlich der Verheiratung junger Mädchen gehe es im Familienrecht immer nur um die Frauen. „Das Familienrecht macht den islamischen Staat aus, weshalb es auch keine Reformation oder gar Revolution der Religion gibt.“ Und aus dem Tragen des Kopftuches eine religiöse Pflicht abzuleiten, entspreche nicht dem Koran. Zwar sei das Kopftuch im Koran verankert, nicht aber - anders als Beten und Fasten - als religiöses Gebot. Auch hat laut Kelek das Kopftuch nichts mit Religionsfreiheit oder auch einer besonderen Form des Feminismus zu tun: „Das Kopftuch ist im Sinne des Koran kein Zeichen des Glaubens, sondern des Brauchtums, ein Zeichen des Standes und des Schutzes der Frau - oder auch die Reduzierung der Frau auf ihr Geschlecht im Sinne einer historisch bedingten sozialen Selbstverständlichkeit.“ Somit ist das Kopftuch auch nicht mit dem christlichen Kreuz oder der jüdischen Kippa, beides religiöse Zeichen, zu vergleichen.

Kopftuch steht für Einschränkung und Abgrenzung

Nach islamischem Verständnis „gehört die Frau ins Haus“. Geht sie nach draußen, hat sie ein Kopftuch zu tragen. Leider werde in der deutschen Gesellschaft und auch der Politik das Kopftuch als etwas Harmloses dargestellt, was es laut Kelek aber nicht ist. Das Kopftuch transportiere ein ganz bestimmtes Frauenbild und eine geistige Gesinnung, die mit Einschränkung und Abgrenzung einhergehe. Der Islam ist laut Kelek ein Religions- und Ordnungssystem, das das Geschlechterverhältnis ordnet. Das daraus resultierende Familienrecht stehe in den Händen der Imame (Scharia), die die Familie kontrollieren. Demnach „bewacht“ der Mann die Frau In der Öffentlichkeit, die praktisch kein Recht auf ein eigenes Leben habe. Das wiederum verhindere, dass die Frau im Islam ein freier Mensch und Bürger werden kann, auch in Deutschland.

Kelek fordert Intoleranz in Fragen der Menschenrechte – „Menschenrechtsverletzungen im Namen der Religion sind nicht hinnehmbar“ -, fordert mehr Druck auf den Islam durch Gesetze und bürgerschaftliches Engagement. Sie wendet sich gegen die Aushöhlung demokratischer Rechte, fordert ein Recht muslimischer Frauen auf Augenhöhe mit den Männern, sieht darin eine Aufgabe der Politik, die sie auffordert, endlich nicht länger wegzuschauen. „Das Kopftuch hat an Schulen nichts zu suchen, weder bei Schülerinnen oder Lehrern“, zumal die Schule fast der einzige Freiraum junger muslimischer Mädchen für Alternativen zu ihrer Rolle in der Familie sei.

Grundwerte anerkennen und übernehmen

Integration ist nach Überzeugung Keleks „seit 60 Jahren weder gewollt noch geglückt“. In Deutschland sei nicht mehr von der Gleichheit der Menschen die Rede, sondern von „Vielfalt, Teilhabe und Partizipation“. Ungleiches - religiöse und kulturelle Unterschiede - werde gleichbehandelt, was Parallel- und Nebengesellschaften legitimiere. „Unser demokratischer und sozialer Rechtsstaat ist aber ein Erfolgsmodell, für das auch jeder Migrant einstehen muss.“ Dessen Werte gelte es, Neubürgern und Gästen vorzuleben und von diesen einzufordern: „Sie müssen lernen und wissen, wie dieses Land funktioniert. Deshalb will Kelek auch nicht mehr von „Integration“ als einem ihrer Meinung nach inzwischen „verschlissenen Begriff“ reden, sondern von Grundwerten der deutschen Gesellschaft. Besonders der Diskurs mit religiösen Auffassungen müsse geführt und auf einer Trennung zwischen Staat und Religion bestanden werden.

Es läuft vieles falsch

„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Migranten und Neubürgern, wir brauchen eine neue theoretische wie politische Grundlage unserer Gesellschafts- und Bildungspolitik, wir müssen den Ansatz unserer Bildungs- und Sozialarbeit gegenüber Migranten und Flüchtlingen überarbeiten, denn: es läuft zu Vieles falsch“, so die Bilanz Keleks. Wer zum Beispiel das „Buntsein als Zeichen der Modernität“ und das „Fremde“ in unserem Land hinterfrage, grenze sich aus und sei kein „richtiger Deutscher“ mehr. „Minderheitenschutz, das allumfassende Verständnis für das Fremde und das Buntsein der Gesellschaft ist in Deutschland zur Gesinnungsethik geworden, die der Bevölkerung aufgenötigt wird“, fand die Muslima Necla Kelek deutliche Worte der Kritik an dem Status quo in Deutschland, den zu ändern dringlichste Aufgabe der Politik sei. Mit dem Bundestagsabgeordneten und Mitglied des Innenausschusses ist sich Kelek einig: „Das Thema Islam muss endlich enttabuisiert werden.“

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Franz Ewert

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