"Krieg und Vertreibung - Geißeln der Menschheit" - damals wie heute

"Tag der Heimat" des BdV-Kreisverbandes Wetzlar
mit 150 Gästen, Musik, Gesang und Folklore in der Stadthalle

"Flucht, Vertreibung und Verlust der Heimat sind in Europa leider wieder Realität. Knapp acht Jahrzehnte nach Kriegsende wiederholt sich Geschichte mit allen schrecklichen Folgen - und es wird deutlich, dass Frieden, Freiheit und Demokratie in keiner Weise eine Selbstverständlichkeit sind", erklärte und mahnte Margarete Ziegler-Raschdorf, Landesbeauftragte der hessischen Landeregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, als Ehrengast des von Kreisverband und Ortsverband Wetzlar des Bundes der Vertriebenen e. V. gemeinsam in der Stadthalle veranstalteten Tages der Heimat 2023. Und dessen Motto "Krieg und Vertreibung - Geißeln der Menschheit" beschreibe als Folge des von Russland völkerrechtswidrig vom Zaun gebrochenen Krieges gegen das Nachbarland Ukraine leider eine aktuelle Situation, die man sich in Europa als täglich schlimme Realität eigentliche nicht mehr habe vorstellen können.

Michael Hundertmark, stellvertretender Vorsitzender sowohl des BdV-Kreis- wie des BdV-Ortsverbandes Wetzlar, begrüßte namens des Kreisvorsitzenden Manfred Hüber (Leun) neben der Landesbeauftragten und zahlreichen Ehrengästen insgesamt 150 Teilnehmer einer dreistündigen Veranstaltung, die von der heimischen Blaskapelle "Egerländer Maderln & Freunde" (Leitung Heike Schlicht), dem Männerchor des Gesangvereins "Harmonie" Dutenhofen (Leitung Jörg Rainer Becker), der Volkstanzgruppe der Siebenbürger Sachsen (Leitung Regina Homm) und der Gesangsgruppe "Stimme der Hoffnung" der Deutschen aus Russland (Leitung Lilli Mohrland) musikalisch und tänzerisch mitgestaltet wurde. Für die Organisation des Tages der Heimat zeichnete wie seit vielen Jahren Kuno Kutz (Hüttenberg), BdV-Ortsverbandsvorsitzender Wetzlar und Vorsitzender der Kreisgruppe Wetzlar der Landsmannschaft Ost- und Westpreußen, verantwortlich.

"Tage der Heimat" sind laut Ziegler-Raschdorf mit ihrer mittlerweile 70-jährigen Tradition leider nicht mehr überall in Deutschland selbstverständlich. Daher danke sie den aktiven Orts- und Kreisverbänden der Vertriebenen in Hessen, die diese Tradition weiterführen. Gerade auch in Kreis und Stadt Wetzlar, die mit ihrer schon vor vielen Jahrzehnten übernommenen "Patenschaft für das ostdeutsche Lied" deutschlandweit eine große Besonderheit darstelle.

Tage der Heimat - "Heimat gilt es zu beschützen" - seien keinesfalls "verstaubte Relikte von gestern", sondern angesichts der aktuellen Entwicklungen notwendig, um an das bittere Schicksal der von Flucht und Vertreibung Betroffenen damals wie heute zu erinnern. "Geschichte verjährt nicht, die Traumatisierung der Betroffenen auch nicht", so die Landesbeauftragte. Es sei kaum noch vorstellbar, was die betroffenen Menschen, die Haus, Hof, Angehörige und Eigentum verloren hatten, damals gefühlt und erlitten haben. Daher erklärte sie die Vermittlung des Wissens über diese Ereignisse gerade an die junge Generation zur wichtigen Aufgabe von Politik und Gesellschaft. "Flucht und Vertreibung sind ein besonderer Teil der deutschen Geschichte, deshalb muss die Thematik auch Teil des Geschichtsunterrichts sein."

Es gelte, an das Schicksal der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler zu erinnern und deren Kulturgut zu erhalten. Hessen, das als erstes Bundesland und noch vor dem Bund einen vor nun zehn Jahren einen Gedenktag zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung jeweils am dritten Sonntag im September festgelegt habe, nehme diesen Auftrag sehr ernst: "Die gesamte Thematik erfährt bei uns eine besondere Wertschätzung." Und deshalb stelle Hessen - wie kein anderes Bundesland - dafür umfangreiche politische und finanzielle Mittel zur Verfügung, für die kulturelle sowie die vertriebenenpolitische Arbeit der Verbände auf allen Ebenen.

Zumal die Vertriebenen einen großen Anteil am Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg hatten. Dazu gehörte leider auch die Erfahrung vieler Heimatvertriebenen, dass sie bei dem Neuanfang, dem sie sich fernab ihrer verlorenen Heimat stellen mussten und auch wollten. keineswegs immer mit offenen Armen begrüßt wurden. Zumal auch viele Menschen im westlichen Nachkriegsdeutschland vor dem Nichts standen. Im Rückblick darf festgehalten werden, dass zusammengewachsen ist, was zusammengehört.

Denn rund ein Viertel aller hessischen Bürger sind selbst oder als Familienangehörige der nächsten Generationen indirekt von Flucht und Vertreibung betroffen (gewesen). So habe sich alleine die Einwohnerschaft der Stadt Wetzlar durch den Zuzug der Flüchtlinge in den ersten Jahren nach dem Krieg auf 30.000 verdoppelt.

In Übereinstimmung mit Michael Hundertmark wies Ziegler-Raschdorf auf die schon 1950 verabschiedete "Charta der Heimatvertriebenen" als unumstrittenes Dokument der Zeitgeschichte, Manifest und Bekenntnis zur Menschlichkeit mit unveränderter Gültigkeit als Richtschnur aller Vertriebenenverbände bis in die Gegenwart hinein. In Sinne der Charta setzen sich die Heimatvertriebenen für ein friedliches Europa und für unveräußerliche Menschenrechte ein und sprechen sich gegen jede Art und Form von Vergeltung und Gewalt aus.

Ihr Referat beim Tag der Heimat in Wetzlar war zugleich eine Art Abschiedsrede der Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, denn ihre Amtszeit endet nach 15 Jahren mit dem Ablauf der Legislaturperiode des hessischen Landtages. Ziegler-Raschdorf hofft - und geht eigentlich davon aus - dass es auch unter der künftigen Landesregierung einen oder eine Landesbeauftragte geben wird, der oder die ihr im Amt nachfolgt.

Auch in den Grußworten des Landtagsabgeordneten Matthias Büger und des Kreisbeigeordneten Stefan Aurand (für Stadt und Kreis) wurden das Unverständnis über die aktuelle Krisensituation in Europa und zugleich die nach wie vor wichtige Arbeit der Vertriebenenverbände als "bedeutende gesellschaftliche Säule im Hessenland" hervorgehoben. Das Motto "Krieg und Vertreibung - Geißeln der Menschheit" treffe leider die aktuelle Wirklichkeit, so Büger. "Kriege werden dann geführt, wenn jemand glaubt, daraus Vorteile erzielen zu können." Und wenn sich ein Krieg in diesem Sinne "lohnt", dann werden andere Autokraten desgleichen tun.

"Wir wollen und müssen für den Frieden arbeiten, wenn es in irgendeiner Weise geht", pflichtete Stefan Aurand bei. Er nannte die Zahl von 4000 Ukrainern, die derzeit im Lahn-Dill-Kreis eine vorübergehende Bleibe gefunden haben, 1700 davon seien privat untergebracht. Und schließlich wies die vor anderthalb Jahren aus Russland nach Deutschland gekommene Olga Martens als Vertreterin der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland auf die "Bitterkeit und Verzweiflung" von vielen hunderttausend Deutschen hin, die heute noch in Russland leben (müssen). Zugleich dankte Martens für die Aufnahme der Russlanddeutschen und auch ihr persönliches Willkommen in Deutschland. "Der BdV vermittelt Heimatgefühl", lobte sie den Vertriebenen-Verband. Und dabei sei es völlig gleichgültig, ob es um Russlanddeutsche, Karpatendeutsche, Ungarndeutsche, Sudetendeutsche oder um welche Gruppe es auch immer gehe: "Wir sind alles Deutsche."

 

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Franz Ewert

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