Wider die „Cancel-Culture“

Kulturelle Aneignung als Mehrwert in der politischen Bildung unserer Schulen

Der Karneval – die Zeit der Verkleidungen, des Rollentausches, er liegt einmal mehr hinter uns. Er ist die Zeit des Ausprobierens, des Rollentausches und der Übertreibung. Jedes Kostüm, jede Rolle, jedes Verkleiden kann anecken, kann peinlich sein, kann scheitern. Es ist aber immer auch ein Zeichen der Selbstironie, des über-sich-selbst-lachen-könnens und damit der Selbstreflexion.

Ich weiß, dass ich kein Nilpferd bin, verkleide mich aber als ein solches. Das mag schräg aussehen. Nicht jedem wird es gefallen. Es passt vielleicht auch nicht zu mir. Fest steht aber: Ich werde die Verkleidung auch wieder ablegen. Den Nilpferden wird es nicht schaden. Eventuell beschäftigt sich ein Zeitgenosse, animiert durch meine Verkleidung, näher mit der Spezies. Er beginnt, die Bedrohung deren Lebensräume sichtbar werden zu lassen und sich für diese einzusetzen. Zugegebenermaßen eine optimistische Vorstellung. Auf jeden Fall aber wird sich niemand beschweren, dass ich die Tiere durch eine Kostümierung blamieren würde oder gar eine Bedrohung für diese wäre.

Was hat das mit politischer Bildung zu tun?

Nun, Tiere sind keine Menschen. Deshalb ist die Verkleidung eines Menschen, der vorgibt in die Haut eines anderen zu schlüpfen, in dieser Zeit sehr schnell hochpolitisch. Dies hat beispielsweise die Winnetou-Debatte von 2022 gezeigt. Es gilt besonders, sich jemand als Teil der angeblichen Mehrheitsgesellschaft verkleidet und das Kostüm als Symbol für eine unterprivilegierte Opfergruppe definiert wird. Es ist dann häufig die Rede von „kultureller Aneignung“. Auch als Weißer „Reggae“ zu spielen und als Frisur Rastalocken zu tragen, wird auf diese Weise zur vermeintlichen Diskriminierung. Kulturelle Aneignung und Diskriminierung werden gleichgesetzt, womit die Aneignung nicht mehr legitimiert werden kann.

Ein weiteres Beispiel: Die 1. Karnevalsgesellschaft Ober-Mörlen „Mörlau“ e.V. hat (hatte) seit vielen Jahrzehnten einen Mohren in ihrem Wappen. Außerdem gehörte der Mohr als Figur immer auch zum dortigen Karneval. Ein Mitglied des Vereins schlüpfte in diese Rolle, um während der närrischen Tage den Mohren zu mimen.

Während der vergangenen Karnevalssaison in diesem Jahr war der Mohr mit weiteren Vertretern des Vereins in der Staatskanzlei in Wiesbaden zu Gast. Das Bild des schwarz geschminkten und maskierten Mohren verbreitete sich rasend schnell in den sozialen Netzwerken. Anscheinend gab es daraufhin Rassismusvorwürfe - gegen wen und wie genau entzieht sich meiner Kenntnis. Als Folge entschuldigte sich der Verein öffentlich. Der Mohr trat nicht mehr auf. Ob er nun auch aus dem Wappen des Vereins oder gar gänzlich verschwinden wird, wird zu beobachten sein. Interessant zu wissen wäre es, ob sich jemand aus Ober-Mörlen über den Mohren beschwert hat. Den Leserbriefen der Regionalpresse war zu entnehmen, dass zumindest die Mehrzahl der Leserbriefverfasser das Canceln des Mohren mit Unverständnis zur Kenntnis nimmt.

Worum geht es hier eigentlich?

Mittels des Vorwurfes der rassistischen Diskriminierung wurde die besagte Verkleidung, die (kulturelle) Aneignung, angeprangert und somit gebrandmarkt. Wäre sie rassistisch, wäre das auch richtig so. Aber: Nicht jede Verkleidung, mit der die Rolle eines Menschen aus einem anderen Kulturkreis oder einer anderen Hautfarbe übernommen werden soll, ist rassistisch. Hierzu müssten z. B. rassistische Stereotype bedient werden. Es kann ja nicht die Hautfarbe per se sein. Meiner Wahrnehmung nach hat der Mohr aus Ober-Mörlen keine Stereotype bedient. Der Leser mag sich im Internet selbst ein Bild davon machen. Positiv und im Sinne der Wertschätzung füllte der Mohr seine Rolle aus. Es war doch eine Ehrensache für die Karnevalisten, sich vom Mohren herzen zu lassen. Kindern und Jugendlichen wurde eine Figur gezeigt, die als Träger einer zentralen Rolle im karnevalistischen Treiben positiv für die Wahrnehmung des (scheinbar) Fremden warb.

Was kann aus pädagogischer Perspektive in einer pluralistischen Gesellschaft sinnvoller sein? Hier könnte der Einwand geäußert werden, dass dies heute aufgrund der Realität der bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht mehr nötig sei. Wieso solle in der bunten Einwanderungsgesellschaft das Fremde explizit mittels Verkleidung positiv beworben werden? Die zahlreichen farbigen Hessinnen und Hessen sind doch Botschafter der pluralistischen Gesellschaft genug, wird der ein oder andere sagen.

Earl Kolbe übernahm einmal die Rolle des Mohren beim Grenzgang im mittelhessischen Biedenkopf. Auch dort existiert diese Figur seit langer Zeit. Als schwarzer Mensch sieht Kolbe es selbst so, dass der Mohr eine positive und verbindende Rolle ausfüllt. So wird er in einem Artikel auf „www.mittelhessen.de“ von 2019 zitiert. Wie in Ober-Mörlen, so ist auch der Mohr des Grenzganges eine positiv konnotierte Figur. Die Teilnehmer suchen den Kontakt, die Besetzung der Rolle ist begehrt. Aber nur einer kann der Mohr sein. Und nur für eine kurze Zeit. Die kulturelle Aneignung – um im Jargon zu bleiben – bewirkt auf diese Weise Positives. Wenn es anders wäre, müsste das vor Ort auch schon aufgefallen sein.

Für die politische Bildung in unseren Schulen bedeutet das, dass wir uns nicht verunsichern lassen sollten. Wir sollten darauf achten, dass Traditionen sowie Brauchtum und kulturelle Aneignungen kritisch hinterfragt werden. Dazu gehört aber auch, dass Verbindende zu sehen. Gerade in Zeiten des oft beklagten fehlenden gesellschaftlichen Zusammenhalts schaffen Traditionen und Brauchtum Brücken. Sie sind Anknüpfungspunkte für Menschen verschiedenster Herkunft. Der Vorwurf der Aneignung entlarvt sich auf diese Weise. Die Aneignung sollte gerade deshalb gefördert werden. Auf diese Weise schlüpfen schon die Kleinsten in Rollen des ihnen (vielleicht) Fremden.

Als Lehrerinnen und Lehrer ist es unser Auftrag, in der pluralistischen Gesellschaft diese Rollenübernahme zuzulassen und zu fördern. Das Verbot der Rollenübernahme sorgt für eine Verunsicherung innerhalb der Gesellschaft. Die prompte öffentliche Entschuldigung des Vereins, von der oben die Rede war, ist auch Ausdruck dieser Verunsicherung. Es genügt heute schon der leiseste Verdacht der Diskriminierung, um sich von Traditionen und Brauchtum loszusagen. Bedauerlich, wenn schon einzelne Stimmen aus dem Internet ausreichen, ein Lossagen zu bewirken. Diese Verunsicherung führt zu Vermeidungsstrategien und voreiliger Selbstzensur. Alles, was irgendwie Anstoß erregen könnte, wird vermieden, gecancelt und nicht mehr thematisiert. Lachen (auch über sich selbst) ist verboten!

Das kann in einer Demokratie keiner wollen!

Der aufgeklärte Mensch muss dem entgegentreten: Je bunter, je vielschichtiger die deutsche Gesellschaft ist, desto weniger sichtbare Fremdheit mag es geben. Dennoch haben vor allem die Schulen den Auftrag, das Zusammenleben bei allen Unterschieden zu üben und vorzuleben. Eine Rollen- und Perspektivenübernahme, auch durch Verkleiden, kann hier nur förderlich sein. Dass dies für jede Generation immer wieder aufs Neue gilt, erklärt sich von selbst.

Das Konzept der kulturellen Aneignung ist ein Erfolgsrezept. Kulturen und Menschen haben sich seit jeher gegenseitig befruchtet, in dem sie kopierten, kommunizierten, sich imitierten und Rollen übernahmen. Und: Was wäre der Karneval, wenn wir uns alle nur als Nilpferde oder Champignons verkleiden würden?

 

 

Über den Autor

Thorsten Rohde

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