Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit

Wie die Cancel Culture den Fortschritt bedroht

von Alexander Ulfig

Eine Biologin darf an einer Universität keinen Vortrag halten, weil sie behauptet, dass es in der Biologie zwei Geschlechter gibt, ein Politikwissenschaftler darf nicht in den Räumen seiner Hochschule Seminare abhalten, weil er sich kritisch über die Migrationspolitik äußert, eine Enthnologin wird angefeindet, weil sie eine Konferenz über die Bedeutung des Kopftuchs veranstaltet.

Solche Fälle mehren sich an deutschen Universitäten. Wissenschaftler, die den Zeitgeist kritisieren, werden diffamiert, stigmatisiert und nicht selten aus wissenschaftlichen Debatten ausgeschlossen. Man spricht hier von der Cancel Culture (deutsch: Kultur des Tilgens, des Ausschlusses). Sie hat sich nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in anderen Bereichen der Gesellschaft wie Politik, Medien und Kultur ausgebreitet. Menschen, die dem Zeitgeist widersprechen, müssen mit negativen Konsequenzen rechnen. Doch was ist dieser Zeitgeist, der das Recht auf Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit verletzt?

Seit den 90er Jahren haben sich eine aus den USA stammende Ideologie und eine mit ihr zusammenhänge Politik durchgesetzt. Sie wird mit Begriffen wie Politische Korrektheit, Wokeness, Identitätspolitik, Gender, Queer, Antirassismus, Postkolonialismus usw. in Verbindung gebracht.

Unter dem Vorwand des Kampfes für die Rechte von Minderheiten soll die ganze Gesellschaft neu gestaltet werden. Beispielsweise werden Wörter, die als „diskriminierend“ aufgefasst werden, aus dem Vokabular, auch aus der Klassischen Literatur, getilgt, die Sprache wird gegendert, um die angebliche Diskriminierung von Frauen zu beenden, bestimmte Gruppen werden bei der Stellenvergabe mit Quotenregelungen bevorzugt behandelt, womit das Prinzip der Bestenauslese durch das Proporzprinzip ersetzt wird. Diejenigen, die sich dieser Neugestaltung der Gesellschaft widersetzen, sollen mundtot gemacht, gecancelt werden.

Das Buch „Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Wie die Cancel Culture den Fortschritt bedroht und was wir alle für eine freie Debattenkultur tun können“ versammelt Beiträge von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen. Sie behandeln die vielfältigen Facetten der Cancel Culture. Sie untersuchen ihren Ursprung und ihre Merkmale. Einige Autoren berichten von ihren eigenen leidvollen Erfahrungen mit der Cancel Culture.

Die Autoren beklagen auch ein Klima der Angst und des Misstrauens, der Einschüchterung und Denunziation, das sich an deutschen Hochschulen breitgemacht hat. Wissenschaftler trauen sich nicht, sich kritisch zu Themen wie Gender, Migration, Klimawandel oder Corona-Politik zu äußern. Sie sehen, was mit Wissenschaftlern passiert, die bereits „aufgefallen“ sind. Deshalb halten sie ihre eigene Meinung zurück, um nicht aufzufallen und geächtet zu werden. Um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, schränken sie sich dabei selbst in Forschung und Lehre ein. Sie passen sich dem Zeitgeist an. Daraus entsteht die Haltung des vorauseilenden Gehorsams, die der Wissenschaft keine guten Dienste erweist, denn Wissenschaft lebt von kontroversen Auseinandersetzungen. Ohne kontroverse Auseinandersetzungen kann es in der Wissenschaft und in der Gesellschaft keinen Fortschritt geben.

Doch die Autoren des Buches setzen auch positive Akzente. Sie zeigen Wege auf, wie die Cancel Culture überwunden werden kann. Eine wichtige Rolle spielen dabei unabhängige Medien und Organisationen. Anfang 2021 wurde das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gegründet, welches Fälle der Verletzung der Wissenschaftsfreiheit dokumentiert und gegen sie vorgeht. Die Autoren fordern darüber hinaus die Gründung von unabhängigen Instituten und Akademien.

Das Buch ist zwar von Wissenschaftlern geschrieben, aber nicht nur für Wissenschaftler. Es ist allgemeinverständlich verfasst und behandelt nicht nur Wissenschaftsfreiheit, sondern auch Meinungsfreiheit, Meinungsvielfalt und Toleranz. Es ist für alle, die eine freie Debattenkultur in Deutschland behalten und fördern möchten.

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Aktuelle Ausgabe2/2023