Auf Einladung der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft

Thomas Sander gewährt Einblicke in Leben und Werk
von Johann Strauß (Sohn)

Ein genialer Komponist - und viel mehr als der "Walzerkönig"

Der Einladung der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft Wetzlar, einen großen Komponisten aus einer etwas anderen Warte und Sichtweise kennenzulernen, waren am letzten Freitag im März 2022 rund 90 interessierte Zuhörer in den Konzertsaal der Musikschule am Schillerplatz gekommen. Und sie wurden erwartungsgemäß nicht enttäuscht. Denn der in Sachen Musik überaus fachkundige Referent Thomas Sander hatte sich in seiner unnachahmlichen, weil zugleich hochkompetenten und tiefgründigen wie ernsthaft und vor allem hintergründig-humoristischen Art der Wissens- und Faktenvermittlung dieses Mal den Wiener Walzerkönig Johann Strauß (Sohn) vorgenommen. In begründeter Erwartung eines besonderen Vortragserlebnisses begrüßte der DÖG-Vorsitzende Hans-Jürgen Irmer den Referenten namens der erschienenen "Fangemeinde Thomas Sander".

Wie in den vergangenen Komponisten-Abenden der DÖG, in denen die Koryphäen Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert im Mittelpunkt launiger Betrachtungen standen, gewährte der langjährige ehemalige Leiter der Musikschule Wetzlar dem Publikum beim Johann-Strauß-Abend Einblicke in Werk, Wirken und Leben des wohl größten aus der Wiener Strauß-Musikanten-und-Komponisten-Dynastie, von dem Johannes Brahms einst bekannte, das Johann Strauß der einzige sei, den er beneide, "er trieft von Musik, ihm fällt immer etwas ein". Und Giuseppe Verdi adelte den Walzerkönig: "Ich verehre ihn als einen meiner genialsten Kollegen." Der Autor Emile Zola lobte: "Wir Schriftsteller zeigen die Welt, wie elend sie ist - Strauß zeigt uns, wie schön sie sein kann." Und der 2019 verstorbene Dirigent Mariss Jansons lässt mit seiner Eloge kaum noch Steigerungen des Lobes zu: "Die Familie Strauß ist ein eigener Kosmos, der mit nichts in der Welt vergleichbar ist."

"Walzerkönig" war und ist laut Sander ein Etikett, das Johann Baptist Strauß (1825-1899) - zur Unterscheidung von seinem gleichnamigen und innerhalb der Familie dominierenden Vater auch Johann Strauß (Sohn) genannt - nicht zu Unrecht trägt, den Blick auf den Komponisten aber schnell in eine falsche Richtung lenke. Denn sein Werk war sehr viel umfangreicher, andersartiger, vielschichtiger - "und das bei weitem nicht nur im Dreivierteltakt". Neben Walzern, Polkas, Quadrillen und Märschen stammen unter anderem 15 Operetten - mit der "Fledermaus" als wohl bekanntester - und eine Oper aus seiner Feder. Insgesamt habe Johann Strauß (Sohn) eine sensationelle Fülle an Werken geschaffen.

Entgegen dem ausdrücklichen Wunsch seines Vaters, eine Banklehre anzutreten und eben nicht, wie dieser, Musiker zu werden, setzte Johann Strauß (Sohn) letztlich seinen Willen durch. Beeinflusst von den Komponisten Franz Schubert und Joseph Lanner startete Johann eine einzigartige Karriere, die jene seiner Brüder Josef und Eduard Strauß, die als Musiker und Komponisten ebenfalls sehr erfolgreich waren, doch deutlich überstrahlt. "Johann war der begabteste und kreativste in der Musiker-Familie."

Thomas Sander verdeutlichte anhand des weltberühmten "Donau-Walzers" die geniale Andersartigkeit der Strauß-Walzer im Vergleich zu den Werken anderer hervorragender Komponisten. Strauß weicht vom "akkuraten Dreivierteltakt" ab, verlangsamt und verzögert ganz bewusst die Tonfolge, akzentuiert damit den eigentlich ansonsten eher unbedeutenden letzten Taktteil, sucht und findet damit den schmalen Grat zwischen gerade und punktiert gespielter Viertelnote. Im Donauwalzer wird das "Herantasten und Herantanzen" an die eigentliche Melodie durch Synkopenbildung, also der rhythmischen Verschiebung der Betonung auf eine eigentlich unbetonte "Zählzeit" im Takt, wunderbar deutlich.

Als Ergebnis erzeugt der Komponist Strauß gerade auch im Walzer "An der schönen blauen Donau" eine "große Klangwolke". Die Genialität des Walzerkönigs zeige sich in einer "ganz neuen, großen Meisterschaft in der Walzergestaltung", so Sander. "Johann Strauß befasste sich nur mit Musik. Außer im Wirtshaus beim Kartenspielen", berichtete Thomas Sander, um einschränkend zu erklären, dass er seine Einfälle überall, und eben auch auf Gaststättenrechnungen, notiert habe.

Einerseits werde Strauß völlig zu Recht als ein ebenso einfallsreiches wie zugleich geschäftstüchtiges Genie in Sachen Komponieren genannt, andererseits dürfe aber auch auf eine weniger lichte Seite des dreimal verheirateten Walzerkönigs - der übrigens dem Tanzen höchst abhold und, so Sander, bei der "Damenwahl" wohl stets auf der Toilette zu finden war - verwiesen werden. "Johann Strauß war voller Neurosen und Obsessionen" und am Ende seines Lebens hoch depressiv oder, um es etwas freundlicher auszudrücken, "ein alter Grantler".

Über den Autor

Franz Ewert

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