Josef Kraus rechnet im Bürgerhaus Atzbach mit dem „Genderismus“ ab

„Ich will den deutschen Michel aufrütteln“

„Es geht uns zu gut in Deutschland, sonst würden wir nicht mit so viel Energie, Zeit und Ressourcen in einen 'Schwachsinn namens Gendern' investieren“, zog Josef Kraus, jahrzehntelanger Chef der Deutschen Lehrergewerkschaft, Pädagoge und Psychologe, genauer Beobachter von Politik und Gesellschaft in Deutschland, scharfsinniger Autor von Artikeln und Büchern zum Zeitgeschehen, gleich zu Beginn ein Fazit seines Referates aus der Sicht eines Wertkonservativen zum Thema „Genderismus“. Auch wenn 80 Prozent der Deutschen „nicht gegendert“ werden wollen, so weiß der mittlerweile 72-jährige Bayer dennoch nur zu gut, dass Sprache die Welt verändert. Das Gendern allemal, so dass der Titel seines Vortrages „Kulturmarxismus im neuen Gewand“ zwar heftig klingen mag, wohl aber die sich trotz mannigfacher Widerstände ungute Veränderung bewirkende Realität treffend beschreibt.

Kraus nahm sich im Bürgerhaus Atzbach auf Einladung des CDU-Kreisverbandes und seines „dienstältesten politischen Freundes in Hessen“ Hans-Jürgen Irmer des Themas „Genderismus“ an, „das uns nicht aus dem Hals hängen darf“, da der damit zusammenhängende „Kulturmarxismus“ in Parteien, NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen), Hochschulen, Medien und auch Kirchen „epidemisch um sich greift“. „Wir leben in Zeiten neuer Ersatzreligionen, der Genderismus ist eine davon." Genderismus sei der „politische Hebel“, um den Kulturmarxismus durchzusetzen, so Kraus, der diese „neue Religion“ ihre „fröhliche Auferstehung feiern“ sieht. Kraus sezierte dieses ebenso unnötige und ärgerliche wie dennoch die Aktualität beherrschende Thema ebenso ernsthaft und messerscharf wie bildhaft und humorvoll. Fatalismus ist dabei die Sache des Referenten ausdrücklich nicht.

Veränderung ja - aber nicht von oben

„Die Sprache gehört dem Volk. Sie entwickelt sich natürlich, nämlich von unten und nicht von oben“, so Kraus, der auf mittlerweile 250 „Gender-Professuren“ in Deutschland verweist, die den Menschen grammatikalisch völlig sinnwidrige Regelungen aufzwingen wollen. Demgegenüber gibt es landesweit nur 120 Professuren für alte Sprachen, „die sich mit unseren sprachlichen und kulturellen Wurzeln befassen“ und rund 200 für Pharmazie, in ganz Deutschland als der früheren „Apotheke der Welt“. „Wir befinden uns mitten in einem Kulturkampf.“ Niemand sollte meinen, dass Gender etwas mit Gleichberechtigung der Frau zu tun habe. Gender ist das soziale Geschlecht im Gegensatz zum biologischen. Letzteres ist genetisch angelegt, Gender dagegen laut Kraus in der Sprache des Konstruktivismus bzw. des Dekonstruktivismus ein Konstrukt, das aufgebaut und eben auch gesprengt werden kann. Nach der Gender-Theorie gibt es keinen Zusammenhang zwischen biologischem und sozialem Geschlecht. Und Heterosexualität sei ohnehin ein Repressionssystem. Insofern sprechen die Genderisten auch von Zwangsheterosexualität und heteronormativer Gewalt.

Genderismus ist eine säkulare Religion

„Statt Klassenkampf also jetzt Geschlechterkampf?“, fragt Kraus. Gender habe den Charakter einer „säkularen Religion“ angenommen. Es gehe um Mythen von Gleichheit und Diversität. „Wer sich den Gender-Glaubenssätzen nicht anschließt, dem droht der Vorwurf angeblicher Hassdelikte und Hetze, der Homo- und Transphobie, eines Nazi-Denkens oder zumindest einer Nähe zur AfD.“ Geht es um „binäre“ Menschen, eine der wichtigsten und aktivsten Gruppen des Genderismus, dann redet man laut Kraus in Deutschland je nach Sicht von einem Anteil von 0,4 bis 2,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. „Gleichwohl ist diese Minderheit lautstark sowie über Parteien, Stiftungen, NGOs und Universitätsinstitute bestens vernetzt.“

Vor vier Jahren hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass das Personenstandesrecht intersexuelle Menschen in ihren Grundrechten verletze, da sie gezwungen seien, sich nur als „männlich“ oder „weiblich“ registrieren zu lassen. Daraufhin hat der Bundestag das Personenstandsrecht entsprechend geändert und die Kategorie „divers“ hinzugefügt. Einer Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) zufolge haben seit Inkrafttreten des Gesetzes Ende 2018 bis einschließlich der ersten drei Quartale 2020 ganze 0,0008 Prozent der Bevölkerung einen „divers“-Eintrag vornehmen lassen.

Nicht zwei, sondern 60 Geschlechter

Was aber bedeutet „divers“? Nach der Theorie der LSBTTIQ-Lobby (LSBTTIQ = Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle und Queer) gibt es nicht nur zwei bzw. drei Geschlechter, sondern unter dem Etikett „divers“ oder „intersexuell“ verbergen sich mehr als 60(!) weitere geschlechtliche Identitäten, von androgyn bis Zwitter. Bei der „schönen neuen Familienwelt“ will auch die EU mitmischen und möchte anstatt „Vater“ und „Mutter“ Bezeichnungen wie „parent 1 and 2“, „proginator A und B“, „ouder 1 und 2“ oder „Elter1 und2“ durchsetzen. Leider lasse sich auch die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen offenbar gerne vor den Gender-Karren spannen. Ende 2020 hat sie eine „Strategie zur Gleichstellung von LGBTTIQ in der EU“ herausgebracht, der zufolge die Kommission eine „Gesetzgebungsinitiative zur gegenseitigen Anerkennung von Elternschaft“ bei „Regenbogenfamilien“ sowie „Maßnahmen zur Förderung der gegenseitigen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zwischen den Mitgliedsstaaten“ plant. Natürlich möchte die EU die LGBTTIQ-Lobby auch finanziell fördern sowie die rechtliche „Anerkennung von Transgender- und nichtbinären Identitäten“ in den Mitgliedsstaaten durchsetzen, dazu „Maßnahmen zur Gleichstellung von LGBTTIQ“ in der Entwicklungshilfe unterstützen und LGBTTIQ-Gleichstellung „in alle EU-Politikbereiche integrieren“.

Gender-Grimassensprache

Andererseits werden Kritiker, die sich gegen den Gender-Mainstreaming aussprechen, diffamiert, wovon auch der Papst nicht ausgenommen wird. Bei der „Gender-Grimassensprache“ sind laut Kraus die öffentlich-rechtlichen Medien ganz vorne dabei. „Die Klebers, Gersters und Wills verrenken Zunge und Lippen mit einem logotherapiebedürftigen Glottisschlag, um den Gender-Stern/Star phonetisch über den Äther zu bringen.“ Da quassele eine Anne Will von „Gästinnen“ und „Mitgliederinnen“ und eine „nicht minder linguistisch bemittelte“ Grünen-Vorsitzende Baerbock von „Steuerinnenzahlern“. Und Konrad Duden würde sich im Grabe umdrehen angesichts eines „Dudens“ mit dem Titel „Richtig gendern“. Leider marschierten auch Ministerien, Kommunen, Konzerne und Unternehmen beim Sprachdiktat namens Gendern nicht nur in amtlichen Schriftstücken vorneweg.

„Hat Deutschland auf all das gewartet?“, fragt Josef Kraus. „Reicht uns der Gender-Wahnsinn mit seinem Marsch durch die Institutionen und Definitionen samt Bibel in gerechter Sprache nicht?“ Das Traurige sei, dass es (noch) viel zu wenig Widerstand gebe. „Der brave deutsche Michel lässt alles in Untertanenhaltung über sich ergehen“, beklagt Kraus. Der deutsche Konservativismus habe vor Jahrzehnten beim Aufkommen der „68er Bewegung“ und nachfolgend beim Aufkommen der „Political Correctness“ nicht genug Widerstand geleistet. Gleiches gelte leider auch im Blick auf den „Genderismus“. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung muss laut Kraus steigen. Auch im neuen Bundestag. „Warum begehrt der deutsche Michel nicht auf?“, fragt Josef Kraus und will in seinem Bemühen nicht nachlassen: „Ich will den deutschen Michel aufrütteln!“

Über den Autor

Franz Ewert

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