Eine Vision ist Realität geworden:

Das Wetzlarer Projekt "Haus der Prävention"
geht weit über das Herkömmliche und Übliche hinaus

"Prävention ist nicht Feuerlöscher,
sondern nachhaltiger Brandschutz"

Das wohl schönste Geschenk zum 25-jährigen Bestehens der Bürgerinitiative Pro Polizei Wetzlar e. V. im Jahr 2021 hat sich der Verein - unter tatkräftiger Mithilfe und Unterstützung von Stadt Wetzlar, Landkreis Lahn-Dill, Polizeipräsidium Mittelhessen sowie des Hessischen Innenministeriums - in gewisser Weise selbst gemacht: Erwerb, Umbau, Modernisierung, Einweihung und Inbetriebnahme des "Hauses der Prävention" am Ludwig-Erk-Platz 5. In diesem Haus am Rande der historischen Altstadt Wetzlars mit dem Gebäude von Musikschule und Unterer Stadtkirche als unmittelbarem Nachbarn war über viele Jahre hinweg die Zentrale des Malteser Hilfsdienstes Wetzlar untergebracht. Den Umzug der Malteser an einen Neubau an größerem und für die Zecke der Hilfsorganisation besser geeigneten Standort im Hörnsheimer Eck nutzte die BI Pro Polizei Wetzlar, um am Erk-Platz ihre schon länger gehegte und vorbereitete Idee eines "Hauses der Prävention" an für sie idealer Stelle umzusetzen und zu realisieren.

Aus Vision wurde Wirklichkeit

Diese offizielle Einweihung und Inbetriebnahme erfolgte mit einer Feierlichkeit in Anwesenheit von - trotz Ferienzeit - mehr als 200 geladenen Gästen in der Stadthalle Wetzlar sowie einem sich anschließenden Tag der offenen Tür auf dem Gelände des Hauses der Prävention. Hans-Jürgen Irmer, seit 25 Jahren Vorsitzender der BI Pro Polizei Wetzlar e. V. und nun auch Vorsitzender des eigens zwecks Erwerb und Betrieb des Hauses der Prävention aus der BI heraus gegründeten neuen Trägervereins mit dem programmatischen Namen "Verein zur Förderung der Prävention im Lahn-Dill-Kreis", richtete seinen Dank zunächst an zahlreiche an dem Vorhaben Beteiligte. Er dankte dem Malteser Hilfsdienst für die Möglichkeit, Gebäude und Grundstück zu erwerben. Er sprach ein "Lob auf das Handwerk" aus, deren unterschiedliche Gewerke innerhalb von nur zwei Monaten den 300.000 Euro teuren Umbau samt Sanierung und funktionaler Modernisierung bewerkstelligt haben. Im Februar hatten sich sämtliche an der Aktion beteiligten Handwerker im Haus der Prävention zur Abstimmung eingefunden. Im Ergebnis hätten dann die heimischen Handwerker eine "tolle Arbeit flexibel und zur vollsten Zufriedenheit abgeliefert“. Irmer dankte dem Hessischen Innenministerium für die zügige Bearbeitung und Genehmigung des Projekt-Vorhabens sowie den zuständigen juristischen Stellen für die schnelle Anerkennung der Gemeinnützigkeit des neugegründeten Trägervereins. Dass die Geschäftsstelle der aktuell 920 Mitglieder großen BI Pro Polizei Wetzlar e. V. ihren neuen Platz gleichfalls im Haus der Prävention findet, ist eine Selbstverständlichkeit.

"Haus wird ein Erfolgsmodell"

Dann beantwortete der Vorsitzende die Frage nach der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines Hauses der Prävention in und für Wetzlar. Zwar gebe es bereits einige sinnvolle Präventionsangebote bei Kreis und Stadt und auch seitens der Polizei. Allerdings nicht unter einem Dach. Das sei nun mit dem Haus der Prävention möglich. Alle Beteiligten hätten erkannt, dass mit der Konzentration der Angebote an einer für Bürger und Besucher strategisch günstig gelegenen Stelle Ressourcen wirkungsvoller umgesetzt und genutzt werden könnten. Absprachen und Kooperationen seien "Tür an Tür" leicht möglich und in vielen Fällen sinnvoll und zielführend. Da Prävention zum Schutz sowohl der Menschen als auch der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und natürlich zur Vorbeugung gegen Kriminalität ein besonders wirksames Instrument sei, zeigt sich Hans-Jürgen Irmer davon überzeugt, dass das Haus der Prävention ein "riesiges Erfolgsmodell" werden wird. Im Übrigen eine Einschätzung, die auch von den nachfolgenden Rednern und Referenten grundsätzlich geteilt wurde.

Boris Falkenberg, Kreis- und Stadtbeauftragter des Malteser Hilfsdienstes, nannte das Haus der Prävention ein "tolles Konstrukt", in dessen Mauern "Prävention schon mit verbaut" worden sei. 1986 hatte der Malteser Hilfsdienst das Gebäude von der Stadt Wetzlar erworben. Der Umzug der Malteser in größere Räumlichkeiten und auf ausgedehnteres Areal sei wegen des erheblichen Wachstums der Hilfsorganisation unumgänglich geworden. Umso mehr freue er sich über die Nach- und Neunutzung des Geländes als Haus der Prävention.

"Prävention im Team" als neue Chance

"Ab sofort ziehen in Wetzlar Stadt und Landkreis sowie die Polizei noch mehr an einem Strang, damit die Menschen in der Region sicherer leben und sich noch sicherer fühlen können, weil mit dem Haus der Prävention der Grundstein für eine deutlich professionellere Zusammenarbeit gelegt wurde", stellte Staatssekretär Dr. Stefan Heck namens des Hessischen Innenministeriums fest. Durch eine ressortübergreifende Zusammenarbeit und Bündelung von Kompetenzen der im Lahn-Dill-Kreis und der Stadt Wetzlar mit Präventionsaufgaben bereits tätigen Akteure würden aufkommende Kriminalitätsphänomene und sonstige Gefährdungen frühzeitig erkannt und durch Präventionsprojekte begleitet werden. "Schließlich dient eine wirksame Prävention in allen Bereichen der Stärkung unserer Demokratie und ist zugleich der beste Opferschutz." Die Bürger erwarteten zurecht, ein Leben in Sicherheit führen zu können, so der Staatssekretär. Gute Prävention im Blick auf Kriminalität und Extremismus setze eine gute Zusammenarbeit voraus. Sein persönlicher Dank gehe an Hans-Jürgen Irmer, der Ideengeber und Motor gewesen sei. „Ohne Dich“, so der Staatssekretär, „würde es dieses Projekt nicht geben.“

"Das Haus der Prävention überzeugt dabei auf ganzer Linie", da es sich auf die örtliche Bündelung staatlicher, kommunaler und zivilgesellschaftlicher Präventionsakteure fokussiere, für die Bürgernähe und Bürgerorientierung an oberster Stelle stünden. Das Land Hessen unterstütze das Projekt weiterhin auch dadurch, dass über Landesprogramme, zum Beispiel "Hessen - aktiv für Demokratie und gegen Extremismus" - geförderte Träger weitere Schulungs- und Beratungsangebote im Haus der Prävention Wetzlar kostenfrei anbieten können.

Prävention, so Landrat Wolfgang Schuster, spiele im Landkreis Lahn-Dill schon lange eine große Rolle. Da das neue Haus nun die Chance von "Prävention im Team" biete, könne mit dessen Inbetriebnahme "Außergewöhnliches gefeiert werden". Aufgabe aller Beteiligten sei es nun, die "Hülle Haus der Prävention" mit Leben zu füllen. In der Hoffnung, in zehn Jahren sagen zu können: Das Haus der Prävention ist ein Exportschlager".

Ein konzeptionell überzeugender Ansatz

Stadt, Kreis und Land wollen laut Dr. Andreas Viertelhausen, Bürgermeister der Stadt Wetzlar, die Sicherheit erhöhen und damit zugleich das Sicherheitsgefühl der Bürger stärken. Was durch Vorbeugung verhindert werden könne, müsse später nicht durch das Strafrecht aufwendig korrigiert werden, laute die Strategie. Dazu gehöre auch, auf Entwicklungen in der Gesellschaft zu reagieren. Hier setze das Haus mit dem Anspruch und dem Ziel einer gemeinsamen, gebündelten Präventionsarbeit an. "Kriminelle Phänomene sowie Radikalisierungsprozesse sollen möglichst rechtzeitig erkannt und unterbrochen werden. Dabei schließen wir keinen Kriminalitätsbereich aus, egal, ob am linken oder rechten Rand unserer Gesellschaft oder im Blick auf religiöse Eiferer" so Viertelhausen.

So sieht es auch Mittelhessens Polizeipräsident Bernd Paul, der die Sicherheit als ein "Gefühl, ein wichtiges, elementares Gut, ja ein Grundbedürfnis" des Menschen beschreibt. Für Sicherheit zu sorgen sei nicht nur Aufgabe der dafür berufenen Behörden und Organisationen, sondern ein Anspruch der Zivilgesellschaft, die hieran mitarbeiten könne. Deshalb unterstütze das Polizeipräsidium Mittelhessen ausdrücklich den Vorstoß der BI Pro Polizei im Allgemeinen und deren Vorsitzenden MdB Hans-Jürgen Irmer im Besonderen, ein Haus der Prävention in Wetzlar einzurichten - und das mit einem "konzeptionell überzeugenden Ansatz". Der insgesamt bemerkenswert kurze Zeitablauf der Umsetzung des Projekts von den Auftaktgesprächen im Februar 2020 bis zum Einzug im Juli 2021 war laut Paul nur durch die professionelle und konstruktive Mitwirkung aller involvierten Parteien, behördlich wie nichtbehördlich - wobei insbesondere auch die Handwerker und ihre reibungslose Verzahnung der Bauabschnitte gemeint sind - möglich

Prävention ist kein Feuerlöscher, sondern nachhaltiger Brandschutz

Sechs Parteien wirkten nun unter einem Dach zusammen: Pro Polizei, Lahn-Dill-Kreis, Stadt Wetzlar, das Kultusministerium mit der Koordinierungsstelle "Gewaltprävention an Schulen, der Malteser Hilfsdienst und das Polizeipräsidium Mittelhessen. Letzteres mit einem "Schutzmann vor Ort", kriminalpolizeilicher Beratung, Seminaren und Informationsveranstaltungen zur Prävention, Fahrradcodierungen durch die Polizeistation Wetzlar, als Standort der Einstellungsberatung im Lahn-Dill Kreis, wobei weitere Betätigungsfelder sowohl denkbar als auch möglich sind, so Paul, der davon überzeugt ist, dass "die thematischen Bezüge und die räumliche Nähe die Kooperation von Land, Kreis, Stadt und weiteren Gremien die Region nachhaltig stärken werden".

Den in Aufbau und Aussage bemerkenswerten Festvortrag im Rahmen der von der Wetzlarer Gruppe "Make Noise e. V." musikalisch umrahmten Einweihungsfeier in der Stadthalle hielt Erich Marks, Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages (DPT), der 1996 als nationaler jährlicher Kongress speziell für das Arbeitsfeld der Gewalt- und Kriminalprävention begründet wurde und in diesem Jahr zum 26. Mal stattfand. Prävention wirkt laut Marks nicht "stante pede", sondern sei eine langfristig orientierte Notwendigkeit, die "Zeit, Methoden und Erfolgsgeduld" zur Voraussetzung habe. Das wünsche er sich auch für das Haus der Prävention in Wetzlar. "Prävention ist kein Feuerlöscher, sondern Brandschutz" und vor allem in letzteren müsse investiert werden. Oder, um es mit der Sprache der Polizei zu sagen: "Man muss vor die Lage kommen."

Prävention heißt: Risikofaktoren minimieren und Schutzfaktoren stärken

Dabei kann laut Marks Prävention "nicht die Probleme der Welt lösen", könne jedoch vorbeugen und abmildern. Allerdings müsse über die Erfolge der Prävention mehr und vor allem auch öffentlich gesprochen werden. Da Prävention "auf allen Ebenen strategisch entwickelt" werden müsse, um nachhaltig erfolgreich zu sein, regte Marks im Zusammenwirken der "großen Player in Sachen Prävention" - Politik, Wissenschaft und Praxis - die Schaffung bundesgesetzlicher Rahmenbedingungen an und sprach sich für ein neues Bundespräventionsgesetz oder doch zumindest für eine ressortübergreifende Änderung der bestehenden gesetzlichen Vorgaben aus. Und dies nach dem Motto: "Aus Netzwerken Nutzwerke und aus Stolpersteinen Trittsteine machen." Auf allen Ebenen, spätestens beginnend bei Bürgermeistern, Oberbürgermeistern und Landräten, sollte Prävention Chefsache sein.

Es gelte, Kriminalität durch Prävention/Vorsorge einzugrenzen oder, wenn möglich, zu vermeiden. Der Notwendigkeit, "im Vorfeld zu handeln", also früh, schon im Kindergartenalter, anzusetzen, mache auch ein Schulfach "Prävention" mehr als sinnvoll. In diesem Falle und auf diesem Feld sei in der Schule "sogar das Abschreiben ausdrücklich erlaubt". Marks erhofft sich die Weitergabe jener Erfahrungen, die nun mit der Netzwerkarbeit des Hauses der Prävention anstehen und lud die "Macher" und Verantwortlichen des Wetzlarer Projektes - speziell auch aus der Bürgerinitiative Pro Polizei Wetzlar - zwecks Berichterstattung, Konzepterläuterung und Evaluation - zum Deutschen Präventionstag ein.

Über den Autor

Franz Ewert

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