Was macht Sahra Wagenknecht noch bei den Linken?

Vernichtende Kritik an der eigenen Partei

Vor wenigen Tagen ist die ehemalige Vorsitzende der Kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, zur Spitzenkandidatin der SED/Linkspartei in Nordrhein-Westfalen mit mageren rund 61 Prozent gewählt worden. Das Wahlergebnis verwundert nicht, weil vor diesem Parteitag ihr aktuelles Buch „Die Selbstgerechten“ auf den Markt kam, in dem sie mit ihrer eigenen Partei in einem Ausmaß abrechnet – und zwar völlig zu Recht -, dass man sich als Beobachter fragt, wie man nach einer solchen Abrechnung für diese Partei überhaupt noch kandidieren kann.

Massive Kritik an Fridays for Future, an Black Lives Matter, an den Seebrücke-Organisationen oder auch an den „Unteilbar-Demonstrationen“, deren Verantwortlichen sie vorwirft, einer degenerierten Lifestyle-Linken anzugehören. Erstaunlich ihre Differenzierungsfähigkeit, was die Anti-Corona-Demonstrationen angeht. Hier kritisiert sie die eigene Partei, weil sie sämtliche Demonstrationen sofort als Demonstrationen von Verschwörungstheoretikern und Nazis denunziere, wohlwissend, dass diese natürlich auch daran teilnehmen, aber eine vergleichsweise große Zahl unzufriedener Normalbürger.

Verrat an Arbeitern und Geringverdienern

Sie kritisiert in ihrem Buch die Inhalte der Linkspartei, die dazu führten, dass Genannte, vor allem Arbeiter keine politische Vertretung mehr hätten, da die Lifestyle-Linken ihr Augenmerk „auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten“ lenken würden, „die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und aus der sie den Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein.“ Bemerkenswert die Erkenntnis Wagenknechts, dass sexuelle Orientierung, Ethnie oder auch Hautfarbe sowie religiöse Überzeugungen, soweit sie nur von einer Minderheit geteilt werden, immer funktionierten. So sei man Opfer und mache sich damit im Umkehrschluss unangreifbar. Auch da hat sie nicht Unrecht. Das Gleiche gilt für ihre Formulierung um den „Spuk um Diversity und Frauenquoten“.

Leitkultur – Da hat sie recht

Interessant die Aussagen zum Thema Leitkultur, die sich wie folgt lesen: „Wenn man den Begriff Leitkultur sinnvoll definieren will, sollte man darunter die durch kulturelle Überlieferung, Geschichte und nationale Erzählungen begründeten spezifischen Werte und typischen Verhaltensmuster innerhalb einer Nation verstehen, die Teil ihrer gemeinsamen Identität sind und auf denen ihr Zusammengehörigkeitsgefühl beruht.“ Ähnliches hat vor 20 Jahren Friedrich Merz einmal formuliert, der daraufhin von den Gutmenschen, politisch Korrekten, Medien und Linken zerrissen wurde, obwohl er völlig recht hatte. Wagenknecht kritisiert denn auch die Lifestyle-Linke, weil sie dazu beitrage, „nationale Identitäten und die Sehnsucht nach Stabilität, Vertrautheit und Zusammenhalt moralisch zu diskreditieren.“

„Auch hier hat“, so der der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Irmer, „Sahra Wagenknecht recht. Ein mehr als bemerkenswertes Buch, das zumindest in diesen Passagen sehr lesenswert ist.“ Das Einzige, was ihn erstaune, so Irmer, sei die Tatsache, dass Wagenknecht mit dieser Grundeinstellung bei den Linken kandidiere. Glaubwürdig sei dies nicht, denn mit dieser inhaltlich richtigen Verortung gehöre sie in diese Partei eigentlich nicht mehr hinein.

Über den Autor

Hans-Jürgen Irmer
Hans-Jürgen Irmer
Bundestagsabgeordneter der CDU Lahn-Dill
Herausgeber Wetzlar Kurier
Aktuelle Ausgabe9/2021