Für 60.000 Euro

Wetzlar will „kulturelles Leitbild“
Das Geld in den Händen der Vereine wäre besser

Vor rund vier Jahren ist im Stadtparlament Wetzlar der Grundsatzbeschluss gefasst worden, einen „Kulturentwicklungsplan“ zu erstellen. Im Rahmen des Doppelhaushalts 2020/2021 stehen dafür 60.000 Euro zur Verfügung, die politisch umstritten sind, weil der Sinn eines solchen Planes auch nicht ansatzweise erkennbar ist. Vielmehr befürchten einige, dass damit eine staatlich gelenkte Einflussnahme verbunden sein könnte.

Ohrfeige für das Kulturamt

Der Vorsitzende des Kulturausschusses, Klaus Tschakert (SPD), verteidigte die Pläne und wies zur Begründung darauf hin, dass das Kulturamt das nicht leisten könne. Dies ist eine, man muss es so formulieren, Ohrfeige für die überaus engagierten Mitarbeiter des Kulturamtes, die häufig auch in enger Kooperation mit dem Tourismusbüro weit über das normale Maß hinaus für diese Stadt, für die Kultur und die Partnerschaftsgesellschaften arbeiten.

Kürzung der Vereinsfördermittel zurücknehmen

Eine erste Maßnahme, Vereine stärker als bisher zu unterstützen, könnte darin bestehen, dass SPD, Grüne und FWG sich bereit erklären, die vor wenigen Jahren beschlossene 10-prozentige Kürzung der Vereinsfördermittel zurückzunehmen. Das wäre ein erster großer Schritt. Ein zweiter großer Schritt wäre, die geplanten 60.000 Euro für die kulturtreibenden Vereine in dieser Stadt vorzusehen. In einem Kommentar in der WNZ hat Gert Heiland die rhetorische Frage gestellt, wie es eigentlich möglich war, dass Wetzlars reiches Kulturleben so lange ohne Plan ausgekommen ist.

Eine völlig berechtigte Frage. Wetzlar ist reich an Kultur. Zu erwähnen sind die Wetzlarer Festspiele, die Kulturgemeinschaft, der Theaterring, das Kellertheater, der Oberhessische Künstlerbund, die zahlreichen Partnerschaftsgesellschaften. Sie alle tragen zu einem vielfältigen Bild lebendiger Partnerschaft und lebendiger Kultur bei, wobei diese Aufzählung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Man braucht kein hochtrabendes, sehr theoretisches kulturelles Leitbild. Es wäre den Vereinen in der Stadt geholfen, wenn städtische Einrichtungen preiswerter zur Verfügung stehen würden, wenn die Stadt bereit wäre, für die zahlreichen Veranstaltungen die Werbetrommel zu rühren, wenn die Stadt bereit wäre, allen Bürgern in schriftlicher Form mitzuteilen, welche großartigen Angebote es gibt und die Bürger gleichzeitig bitten würde, Mitglied in den Vereinen und Verbänden zu werden, die Veranstaltungen zu besuchen. Und das nicht nur einmalig, sondern regelmäßig wiederkehrend. Leitbilder und -pläne haben immer den Geruch des staatlichen Planens. Die freie Entfaltung von Ideen ist das Gegenteil des Planens, und gerade im künstlerischen Bereich braucht man mehr denn je eher weniger Planung als mehr.

Die Mehrheitsverhältnisse im Parlament sind wie sie sind. Die 60.000 Euro werden verpulvert, so das Gefühl der Opposition. Man darf gespannt sein, wer den Auftrag bekommt und was am Ende konkret herauskommt.

Über den Autor

Hans-Jürgen Irmer
Hans-Jürgen Irmer
Bundestagsabgeordneter der CDU Lahn-Dill
Herausgeber Wetzlar Kurier
Aktuelle Ausgabe10/2020