Interpol-Chef Prof. Dr. Jürgen Stock bei Pro Polizei Wetzlar:

Deutsche Polizei hat international exzellenten Ruf
Cyber-Kriminalität bedroht Infrastruktur

Es war für den Generalsekretär von „Interpol“ im Bürgerhaus Büblingshausen („Siedlerklause“) sicherlich mehr als einer von vielen Vorträgen, die er zur Erläuterung der Arbeit der im französischen Lyon ansässigen und global agierenden internationalen Polizeibehörde kraft seines Amtes weltweit hält. Für Prof. Dr. Jürgen Stock war es eine Rückkehr in die Heimat. Der Endfünfziger stammt aus Niedergirmes, besuchte dort die Grundschule, die August-Bebel-Schule und „baute“ an der Goetheschule sein Abitur. Dann widmete er sich in Studium und Beruf der Juristerei und war bis zu seiner Berufung vor fünf Jahren als erster Deutscher an die Spitze von Interpol Vizepräsident des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden. Kürzlich erst wurde Jürgen Stock in Chile einstimmig für fünf weitere Jahre an der Spitze von Interpol bestätigt. Und: Stock ist Mitglied bei Pro Polizei Wetzlar. Die vor 23 Jahren gegründete und vereinsmäßig organisierte Bürgerinitiative konnte laut ihres Vorsitzenden Hans-Jürgen Irmer just am 11.11. das 888. Mitglied begrüßen.

Für die Heimatgefühle beim „Heimspiel“ Jürgen Stocks in Büblingshausen sorgten zahlreich anwesende Schuldkameraden und Jugendfreunde, ehemalige Sportkameraden der Rudergesellschaft Wetzlar und andere Weggefährten mehr. Stock genoss sichtlich seinen Aufenthalt in der Stadt seiner Jugend - und das unter den Augen zweier Personenschützer, die - durchgängig am Rande des Saales stehend - während der gut zweistündigen Veranstaltung sowohl ihren Chef als auch die rund 250 Zuhörer stets im wachsamen Auge hatten.

„Deutschland im Fadenkreuz des internationalen Verbrechens“ lautete der Titel von Stocks Ausführungen „aus erster Hand“. Angesichts des Umfangs der Problematik riss der Interpol-Chef drei Teilbereiche an: Terrorismus, organisierte Kriminalität (OK) mit dem Fokus auf den Drogenhandel und die Cyber-Kriminalität. Die Sicherheitsbehörden in aller Welt einschließlich Interpol - und auch Europol - als globales Netzwerk versuchten, auf die enormen Herausforderungen zu reagieren, Antworten auf die zunehmend international aktive Kriminalität zu finden - und unter den Stichworten Information und Prävention auch selbst zu agieren. 194 Staaten haben sich Interpol angeschlossen und profitieren von deren Arbeit, zwei mehr als in der UNO vertreten sind. Interpol betreibt „Büros“ in aller Welt, ein „Netzwerk, das ständig ausgebaut wird“. Denn auch Kriminelle und Terroristen seien „global vernetzt und weltweit unterwegs“. Das Internet verändere die Welt dramatisch.

Anschlaggefahr

„Es ist nicht die Frage ob, sondern wann, wo und in welchem Umfang“, sagte Stock im Blick auf künftige Terroranschläge auch in Deutschland. Die Terrorgefahr sei allgegenwärtig und Anschläge zu jeder Zeit und an jedem Ort möglich, und das mit „einfachen“ Mitteln wie Messern, Autos und anderen „Alltagsgegenständen“. Die Hoffnung, dass sich die Lage in Bezug auf Terrorismus beruhigen könnte, habe sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: „Die Situation ist komplexer und internationaler geworden.“ Etwa 30.000 IS-Kämpfer sind laut UNO „in den Untergrund abgetaucht“ und auf dem Rückweg in ihre Heimatländer, auch nach Deutschland. Territorial sei der IS besiegt, seine Ideologie aber lebe weiter. Stock bezeichnete das Internet auch in diesem Zusammenhang als „virtuelle Universität des Terrorismus“.

Dennoch erklärte Stock Deutschland zu einem der sichersten Länder und verwies auf die Vereitelung von acht geplanten Anschlägen, was erst dieser Tage an die Öffentlichkeit gelangt ist. „Die deutsche Polizei hat weltweit einen guten Ruf.“ Und Mittelhessen sei eine der sichersten Regionen. „Gesellschaftliche“ wie nachbarschaftliche Wachsamkeit, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit sind laut Stock aber dringend geboten und insofern sei „Interpol auch für Mittelhessen wichtig“.

Drogenhandel

Der Drogenhandel ist ein großes Problem, zumal wegen der „exorbitanten Gewinne“ mafiöse Strukturen im Drogengeschäft weltweit aktiv sind. Herkunftsländer von Kokain sind „zu 95 Prozent“ Kolumbien, Peru und Bolivien. Wobei der Kokainhandel und -konsum in Deutschland „massiv zunimmt“. „Ein Kilo Kokain kosten im Herkunftsland 1000 Euro“, der „Straßenverkaufswert“ liege dann bei 70.000 Euro. Das Heroin wiederum stammt überwiegend aus Afghanistan und komme über die „Balkanroute“ nach Europa.

Cyber-Kriminalität

Die Cyber-Kriminalität nimmt zu, mit täglich Tausenden von Angriffen auf die Wirtschaft, Banken, aber auch Krankenhäuser, Energieversorger und Verkehrsinfrastruktur „in großem Stil“. Die immer stärkere Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft werfe immer neue Sicherheitsaspekte auf. Angesichts globaler Entwicklungen werden laut Stock „Elemente internationaler Verknüpfungen“ immer wichtiger. Interpol betreibe Datenbanken, um Informationen zusammenzuführen, Netzwerke, von denen die Sicherheitsbehörden bis hin zum einzelnen Streifenwagen weltweit profitieren.

Stock dankt Irmer für 5 Millionen Bundeszuschuss

Der Interpol-Generalsekretär, laut Hans-Jürgen Irmer der „weltweit oberste Polizeibeamte“, würdigte das Engagement des heimischen Bundestagsabgeordneten in Sachen Sicherheit. Die BI Pro Polizei sei eine bundesweit beispielhafte durch privates Engagement getragene Einrichtung. Dem Bundestagsabgeordneten und Mitglied des Innenausschusses sei es zu danken, dass Interpol für ein Projekt, das internationale Vernetzung und Austausch von Daten zur deutlichen Erhöhung der Sicherheit voranbringt, mit zusätzlich fünf Millionen Euro aus Bundesmitteln gezielt unterstützt wird. Bei einem anderthalbtägigen Besuch Irmers in Lyon seien auch die finanziellen Probleme von Interpol angesprochen worden. Mit der Folge, dass nach Absprachen und Gesprächen Irmers mit den zuständigen Bundesministerien die projektbezogene Förderung realisiert werden konnte. Vielleicht, so Stock, auch als Beispiel, dem andere Länder zugunsten der Arbeit von Interpol folgen könnten.

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Franz Ewert

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