Unabhängige Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall referierte auf Einladung der CDU in Wetzlar

Islamistische Netzwerkstrukturen - die unterschätzte Gefahr

Über islamistische Strukturen - speziell auch in Deutschland - aufzuklären, um damit einer großen Unsicherheit im Blick auf diese Thematik und Problematik entgegenzuwirken, hat sich die 55 Jahre alte Sigrid Herrmann-Marschall zum Ziel gesetzt. Dieser selbstgestellten Aufgabe diente auch der „Islamistische Netzwerke und Trugbilder“ titulierte Vortrag der Islamismus-Expertin, den sie vor fast 100 Zuhörern - und anschließenden Mitdiskutanten - auf Einladung des CDU-Kreisverbandes Lahn-Dill in Tasch's Wirtshaus hielt.

„Jede Form von Extremismus geht alle Bürger, geht alle Demokraten an“, machte das langjährige SPD-Mitglied Herrmann-Marschall zum Einstieg in ihre „komplexen Informationen zu einem komplexen Thema“ deutlich, das im Rahmen dieser Berichterstattung nur schlaglichtartig beleuchtet werden kann. Zunächst müsse, wenn es um den Islam geht, zwingend zwischen grundgesetzlich garantierter „statthafter privater Frömmigkeit“ und „Islamismus“ unterschieden werden. Ersteres stehe nicht zur Diskussion. Daran änderten auch die zahllosen lokalen Traditionen nichts, die den Islam ausmachen und die Muslime mit nach Deutschland bringen. Mit der Folge, dass es in einer Stadt etliche, jeweils einer Tradition verbundenen Moscheen gebe.

Großes Problem

Allerdings kollidieren laut Herrmann-Marschall etliche Koraninhalte mit dem Grundgesetz, die dann nicht hinnehmbar sind, wenn sie Grundlage eines „schrankenlosen Dschihadismus und kämpferischen Islamismus“ seien. Im Land Hessen - mit Schwerpunkt Rhein-Main, aber nicht nur dort - verortet die Islamismus-Expertin aktuell 4200 Islamisten. Davon bezeichneten sich 1670 als Salafisten, von denen wiederum etwa 900 „gewaltorientiert“ seien. Dies stelle die Sicherheitsbehörden vor erhebliche Probleme - und: „Das Problem ist größer, als man es sich wünschen würde.“ In diesem Kontext müsse auch die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) im Auge behalten werden, die satzungsgemäß an die türkische Religionsbehörde gebunden und deren Weisungsempfänger sei. So werde derzeit in DITIB-Moscheen für den Krieg im Norden Syriens, den die Türkei gegen die dortigen Kurden begonnen habe, gebetet.

Öffentliche Gelder für Islamisten

Herrmann-Marschall wies auf die „hochkomplizierten Netzwerke“ der unterschiedlichen islamistischen Strömungen in Deutschland hin, die die Beobachtung nicht leichter machten. Über allem stehe mit dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) ein Dachverband, der unter anderem das Ziele verfolge - und damit auch bereits Erfolg habe - an öffentliche Mittel zu kommen, wovon unter anderem auch die hierzulande aktiven Muslimbrüder profitierten. Herrmann-Marschall bezeichnete es als „empörend“ und zudem klar dem Koalitionsvertag von Union und SPD zuwiderlaufend, „dass Verfassungsfeinde staatliche Mittel erhalten“.

Es sind laut Referentin die Akteure des „legalistischen Islamismus“, die durch ein inzwischen „geschicktes und geschmeidiges Marketing“, hinter dem die „böse Realität“ vernebelt werde und „dialogfördernd umformulierte Konfliktlinien“ es leider schaffen, an öffentliche Gelder zu gelangen. Zu diesen „wichtigen, legalistisch agierenden muslimischen Organisationen und Gruppen“ zählt Herrmann-Marschall die Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG), also die Muslimbrüder, DITIB, Milli Görüs, das Spektrum der Grauen Wölfe, verschiedene schiitische Gemeinden, die pakistanischstämmige panislamische Ahmadiyya und weitere verschiedene Organisationen aus dem südost-asiatischen Raum.

Kein „europäischer“ Islam

Beispielsweise sei das aus vielen muslimbrüder-nahen Vereinen und Organisationen bestehende „Aktionsgeflecht“ der Muslimbrüder auf zahlreichen sozialen Feldern aktiv - und das „unverfänglich“. „Kaum noch jemand“ durchschaue dieses Aktionsgeflecht, wobei der nordrhein-westfälische Verfassungsschutzbericht 2019 auch den „Roten Halbmond“ den Muslimbrüdern zuordne. Viele islamistische Vereinigungen und Organisationen leugneten zwar Bezüge zur Muslimbruderschaft, obwohl diese Verbindungen bestehen. Auch seien in Hessen viele salafistische Vereine aktiv, ohne aber als Salafisten aufzutreten. Vielen Angehörigen des Muslimbruderschaft-Aktionsgeflechtes ist es laut Herrmann-Marschall auf diese Weise gelungen, an öffentliche Gelder zu gelangen.

Der lange gehegten Hoffnung auf einen „europäischen Islam“ müsse leider eine Absage erteilt werden, so die Expertin, die zum Beleg die „Kölner Erklärung“ aus der mit erheblichen öffentlichen Mitteln mitfinanzierte große Kölner Ditib-Moschee ins Feld führte. Diese lasse an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Auch wenn sogar nicht wenige Muslime in Deutschland Angst hätten vor dieser dort manifestierten Entwicklung, so bleibt laut Herrmann-Marschall leider die Feststellung, dass nicht nur der gewaltbereite Islamismus, sondern auch die zahlreichen genannten „legalistisch agierenden“ Gruppen und Organisationen mittels „Doppelstrategie und Trugbildern gegen die Mehrheitsgesellschaft“ der Integration eine Absage erteilen.

Verfassungsschutz warnt

Und dies mit „totalitären Ansätzen“, dem Aufbau von Gegengesellschaften und dem Erlangen von wirtschaftlicher Macht. „Muslime in Deutschland sollen für eine andere Gesellschaft gewonnen werden“, ist sich Herrmann-Marschall sicher, wobei dies alles natürlich nicht offen formuliert oder gar diskutiert werde. Leider erwiesen sich bei diesem „Versteckspiel der islamistischen Netzwerke“ gerade auch kirchliche, besonders evangelische Kreise als Helfer.

Die Islamismus-Expertin schließt sich der Analyse des NRW-Verfassungsschutzes an, der es für möglich hält, dass sich die Anhänger der Muslimbruderschaft mittels ihrer unverfänglichen, verharmlosenden, verschleiernden und sich zum Beispiel auf Vereinsebene verfestigenden Vorgehens als „unproblematische Alternative zu gewaltorientierten Islamisten darstellen und als Ansprechpartner für staatliche Stellen und zivilgesellschaftliche Akteure anbieten“. Und damit auch ihr Religionsverständnis innerhalb der muslimischen Gesellschaft in Deutschland und auch gegenüber staatlichen Vertretern zum Maßstab islamischen Lebens erheben.

„Eine solche Entwicklung wäre für die Gesamtgesellschaft und unsere Demokratie nicht hinnehmbar. Eine islamistische ausländische Organisation würde mit ihrem politisierten Islamverständnis in Deutschland erheblichen Einfluss ausüben und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt und inneren Frieden gefährden“, so das SPD-Mitglied Sigrid Herrmann-Marschall im Konsens mit dem NRW-Verfassungsschutz.

Zusammenfassend beklagte MdB Irmer, dass sich „kaum jemand“ mit dem Islam als Problem beschäftige, wofür er die Hauptursache in einer „grenzenlosen Naivität bei Politikern wie Kirchen in Deutschland“ sieht.

Über den Autor

Franz Ewert

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Aktuelle Ausgabe11/2019