Der Islamwissenschaftler und liberale Moslem Dr. Abdel Hakim Ourghi auf Einladung der CDU in Wetzlar:

Der Islam braucht Aufklärung und Reform - Konservative Dachverbände gefährlich

„Der Islam ist reformierbar, das lässt sich aus dem Koran ableiten“, machte Dr. Abdel Hakim Ourghi, Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie und Religionspädagogik am Institut der Theologien an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, vor rund 100 Zuhörern in Tasch's Wirtshaus deutlich. Der 1968 in Algerien geborene Islamwissenschaftler, der seine Religion, den Islam, nach eigenem Bekunden liebt, sprach auf Einladung des CDU-Kreisverbandes Lahn-Dill zum Thema „Braucht der Islam eine Aufklärung?“ Und diese Frage beantwortete der „liberale Moslem“ aufgrund der während seines gesamten faktenreichen Vortrages ins Feld geführten Argumente mit einem eindeutigen Ja.

„Moderate Islamisten“ sind eine Gefahr
Wegen dieser Haltung wird Ourghi - und mit ihm zahlreiche weitere „säkulare und liberale Muslime“, die in der „Freiburger Deklaration“ vom September 2016 ihre Vision einer Islamreform postuliert haben - vielfach angegriffen. Vor allem von konservativen Muslimen, unter anderem vom Verband Ditib, neben dem Zentralrat der Muslime in Deutschland einflussreichste Organisation der Muslime hierzulande. Zum einen vertritt Ditib gemeinsam mit dem Zentralrat laut Ourghi lediglich 15 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime, zum anderen erkennt er in etlichen Ditib-Gemeinden eine „Vorstufe der Radikalisierung“. Die Gefahr drohe, „so ironisch das klingt“, nicht von den Salafisten, denn auf diesem Felde leisteten die Sicherheitsbehörden hervorragende Arbeit. Für viel gefährlicher hält Ourghi die sogenannten „moderaten Islamisten“, die nichts für den sozialen Frieden unternähmen und ständig betonten, dass es keinen Extremismus in ihren Gemeinden gebe. „Mit Pathos wiederholen sie, dass der Islamismus mit dem Islam nichts zu tun hat.“ Zu diesen zählt Ourghi die konservativen Dachverbände wie die Ditib, den Zentralrat der Muslime und andere.

Ditib Teil der türkischen Religionsbehörde
Sie bevorzugten einerseits die meisterhaft stilisierte Pflege der Opferrolle, andererseits setzten sie in der Öffentlichkeit auf den Ton des Überlegenen, „der zu fordern und nicht so sehr zu geben hat“. Diese konservativen Dachverbände beherrschten kunstvoll das rhetorische Spiel. Einerseits verkauften sie den Islam politisch ambitioniert nach außen als „Religion des Friedens“ - einschließlich des Vorwurfs der „Islamophobie“ an die Kritiker -, andererseits predigten sie ihn heimlich in den Gemeinden nach innen als „gottesrechtliche Gesellschaftsordnung“. Ourghi: „Angesichts dessen kann man nur tief besorgt sein!“ Es sei für einen liberalen Muslim wie ihn nur schwer mit anzusehen, „wie sehr die etablierten Parteien und die beiden christlichen Kirchen um Dialog mit den konservativen Dachverbänden bemüht sind“. Dabei bestehe die Gefahr, dass durch die dominierende Kultur der politischen Korrektheit ein mutiges Eingreifen des kritischen Wortes und das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten vermieden werden, um nicht den Zorn und die Wut der muslimischen Minderheitsgesellschaft auf sich zu ziehen. „Hilflosigkeit und Überforderung auf Seiten politischer Entscheidungsträger werden es aber den Dachverbänden ermöglichen, einen konservativen Islam zu etablieren“, befürchtet der muslimische Islamwissenschaftler. Einen Islam, der mit einer säkularen und pluralistischen Staatsordnung und den damit verbundenen Werten nicht vereinbar sei.

Der Verband Ditib, der einen Islam vertrete, der mit politischen Interessen vermischt werde, ist laut Ourghi eine Lobby- und Auslandsorganisation der türkischen Religionsbehörde. Diese sende die Imame aus der Türkei („Import-Imame“), die überwiegend der deutschen Sprache nicht mächtig seien, nach Deutschland. Hier erteilten sie dann Kindern ab fünf Jahren Koranunterricht, überwiegend auf Türkisch oder Arabisch, was die meisten Kinder nicht oder nur ungenügend verstehen. Der Unterricht, streng getrennt nach Geschlecht, dürfe durch Fragen nicht gestört werden.

Gegen „Pädagogik der Unterwerfung“
„Die Kinder werden im klassischen Koranunterricht als 'Behälter' betrachtet, die von religionspädagogisch oder didaktisch nicht ausgebildeten Importimamen oder jugendlichen Freiwilligen mit unreflektierten Inhalten gefüllt werden“, so Ourghi. Dieser „Pädagogik der Unterwerfung“ gehe es letztlich darum, die Kinder zu domestizieren und sie an ihrer gesellschaftlichen Integration zu hindern. Ourghi geht so weit, die gerichtliche Schließung von Moscheen zu fordern, „in denen ein erzkonservativer Islam durch verfassungsfeindliche Predigten zur Radikalisierung beiträgt“. Bei alledem wolle er keine „Propaganda“ gegen die die muslimischen Dachverbände machen, wohl aber über die Fakten reden. So zum Beispiel müsse die ausländische Finanzierung konservativer Dachverbände, die wie gesagt nur 15 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime vertreten, per Gesetz gestoppt werden. Nur dadurch könne der ideologische und religiös-konservative Einfluss auf die Muslime eingedämmt werden. Auch der Import der Imame, die blinden Gehorsam predigen, die religiös-konservative Interessen verfolgen und die auch politische Ziele haben - wie beispielsweise die Stärkung der Bindung an die Herkunftsländer der Eltern - muss laut Abdel Hakim Ourghi verboten werden.

Deutungshoheit nicht Dachverbänden überlassen
Unter dem Rubrum, die Deutungshoheit des Islam in Deutschland nicht einzelnen Verbänden zu überlassen, versteht Ourghi auch nicht, warum das Land Hessen unbedingt an der Kooperation mit Ditib in Sachen islamischer Religionsunterricht festhält. „Ditib geht es um die Vermittlung des Islam in Deutschland und ist an einer Reform nicht interessiert.“

Der Freiburger Wissenschaftler tritt für eine Reform des Islam – „Kein Muslim sollte sich sklavisch den Regeln einer Konfession unterwerfen“ und „Unwissenheit führt zu Angst, Angst führt zu Hass und Hass führt zu Gewalt. Das ist eine einfache Gleichung“ - ein, der mit dem Grundgesetz und den westlichen Werten vereinbar ist. Deshalb sei eine Debatte, ein offener Diskurs ohne Tabus, Denkverbote und Dogmen notwendig. Muslime müssten die eigene religiöse Identität in Frage stellen und „endlich aus der Opferrolle als einer gut durchdachten Strategie, damit etwas zu erreichen, herauskommen“.

Mehr Mut bei Politik und Kirchen
Politik und Kirchen müssten den Mut aufbringen, mit dem liberalen Islam zusammenzuarbeiten. Dieser liberale Islam, der das friedliche Zusammenleben propagiert und für den Prof. Ourghi steht und arbeitet, allerdings auch angefeindet wird, werde leider nicht ernst genommen. Sowohl Politik als auch Kirchen sollten zwischen einem modernen und humanistischen Islam auf der einen und einem orthodoxen und archaischen Islam auf der anderen Seite unterscheiden. „Nur ein moderner und humanistischer Islam ist mit den säkularen Gesetzen des demokratischen Rechtsstaates und den Menschenrechten vereinbar“, postuliert Ourghi und rät der Politik, darauf bedacht zu sein, nicht die Stimmen der muslimischen Wähler wichtiger zu nehmen als den aufgeklärten, modernen Islam.

Deshalb ist sich Ourghi auch mit dem CDU-Kreisvorsitzenden Hans-Jürgen Irmer einig, dass die Politik in Deutschland parteiübergreifend eine Aufklärung über den Islam dringend nötig habe, um überhaupt zu wissen, über was man beim Thema Islam rede.

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Aktuelle Ausgabe8/2017