Bildungspolitischer Brandbrief II

Hilferuf einer Grundschulleiterin an die Politik

 

Wir hatten in der November-Ausgabe des „Wetzlar-Kurier“ den Hilferuf einer Lehrerin an einer Brennpunktschule im Frankfurter Großraum mit ihrem Einverständnis veröffentlicht. In einem erschütternden Bericht machte sie deutlich, dass sie all die eigentlichen pädagogischen und fachlichen Ziele in der Grundschule nicht umsetzen kann, weil die Heterogenität in einer Grundschulklasse mit 80 bis 100 Prozent Migrationsanteil, ethnischen sowie religiösen Konflikten, Verhaltensauffälligkeiten, Inklusionsproblematiken nicht mehr lösbar ist.

Wenige Tage später berichtete die Zeitung „Welt am Sonntag“ von einer Schulleiterin an einer Frankfurter Grundschule, einem sozialen Brennpunkt, über die Probleme, die sich unabgesprochen inhaltlich komplett decken mit denen, die die langjährige Grundschullehrerin uns in schriftlicher Form zur Verfügung stellte.

In dieser Grundschule haben 90 bis 100 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Das Deutsch dieser Kinder, so die Schulleiterin, reiche meistens kaum für ein vernünftiges Unterrichtsgespräch. Zu den Sprachschwierigkeiten würden schlimmste soziale Verhältnisse hinzukommen: Eltern mit psychischen Störungen, Alkoholiker, Leute, die morgens einfach nicht aufstehen, die ihren Kindern kein Frühstück, kein Mittagessen bereiten oder auch nicht in der Lage und Willens sind, Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

Kinder mit Migrationshintergrund habe es schon immer gegeben, aber die jetzige hohe Zahl -zusätzlich mit Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan - bedeute, dass man auch inhaltlich nicht mehr vorankomme. Das, was man vor 20 Jahren mit Zweitklässlern machen konnte, würden heute Viertklässler kaum noch schaffen.

Islam als Problem

Die Schulleiterin führt dies auf die Radikalisierung des Islam zurück mit einer damit einhergehenden Abschottung gegenüber der Gesellschaft. Man müsse vollverschleierte Mütter daran hindern, auf dem Schulhof fremde Kinder zu agitieren. Viele Kinder würden von zu Hause weder zum Lernen angehalten noch dazu, den Lehrer zu respektieren, der der Klasse etwas zu erklären versuche. Gruppenarbeit, individualisiertes Lernen, all dies könne man vergessen. Und das Schlimmste sei, man habe im Grunde genommen kaum noch Zeit, ein entsprechendes Augenmerk auf die Begabten und die Willigen zu richten.

Bildung einst in Deutschland

Eine andere ehemalige Schulrektorin aus Hessen, die heute in Dortmund lebt, hat in einem Beitrag die Situation wie folgt formuliert:

„Es war einmal ein Deutschland, in dem Schulkinder vor dem Lehrer Respekt hatten, dass Mütter den Kindern, auch wenn es nach dem Krieg sehr ärmlich war, ein Frühstück gaben, dass Kinder sauber gewaschen und pünktlich in die Schule geschickt wurden, dass Schulkinder richtig Lesen, Rechnen und Schreiben lernten, auch in der Volksschule, dass Schüler, die sich schlecht benahmen, eine angemessene Strafe (Strafarbeit, Nachsitzen) zu erwarten hatten, dass Volksschüler (heute nennt man sie Hauptschüler) nach der Schulentlassung in der Lage waren, mit Erfolg eine Lehre zu absolvieren, es sogar bis zum Meister bringen konnten, dass Mittelschüler (Realschüler) eine mittlere Beamtenlaufbahn oder eine Ingenieur-Fachschule mit Erfolg abschließen konnten, dass Schüler, die zum Gymnasium gehen wollten, eine Aufnahmeprüfung bestehen mussten, dass Gymnasiasten keine Fächer „abwählen“ durften, sondern in allen Fächern das Abitur leisten mussten und dass Abiturienten höchst selten ihr Studium wegen Unfähigkeit abbrechen mussten…“

Hans-Jürgen Irmer: „Wir brauchen eine bildungspolitische Offensive mit Mut zur Wahrheit“

„Diese Brandbriefe, die mit Sicherheit von vielen engagierten Pädagogen aus eigener Erfahrung unterstützt werden, sind aus meiner Sicht das Ergebnis einer langjährigen bildungspolitischen und gesellschaftspolitischen Fehlentwicklung. Wir haben heute vermehrt Schüler in Schulformen, für die sie unter fachlichen Aspekten nicht geeignet sind. Wir haben eine Nivellierung der Leistungsanforderungen deutschlandweit erlebt. Das Leistungsprinzip war verpönt, Elite war ein Schimpfwort, obwohl wir beispielsweise im Sport wie selbstverständlich ausschließlich Erfolge über Leistungen definieren, und wir brauchen Eliten in dieser Gesellschaft – technische, handwerkliche, politische… Man muss deutlich machen, Schule bedeutet auch eine Kultur der Anstrengung. Ohne Schweiß geht es nicht. Zur Nivellierung gehört im Bereich der Schule ganz allgemein die völlig verunglückte Rechtschreibreform, überspitzt formuliert eher ein Beitrag zur Analphabetisierung als eine sinnvolle Weiterentwicklung. Dazu gehört für mich das unsägliche Schreiben nach Gehör, was für mich einer unterlassenen Hilfeleistung nahekommt, denn was sich in jungen Jahren komplett falsch eingeprägt hat, wird in späteren Jahren nur schwer korrigierbar sein. Im Übrigen ist daran zu erinnern, dass für die 68er-Generation korrekte Rechtschreibung immer ein „Herrschaftsinstrument“ war und deshalb korrekte Rechtschreibung verpönt war.

Wir haben eine Reduzierung des Wortschatzes bundesweit unterschiedlich von 1100, 1200 am Ende der Klasse 4 auf aktuell 700 bis 850, und wenn 17 Prozent der Polizeianwärter am Rechtschreibtest trotz Abitur scheitern, obwohl es schon Lückentexte sind statt Diktate wie früher, dann ist dies auch Ausdruck von mit Mängeln behafteter Bildungspolitik. Dazu passt, dass nach einer Langzeitstudie von 1972, 2002 und 2012 der Fehlerindex allein in der Grundschule sich mehr als verdoppelt hat. Zu den falschen Entscheidungen gehört der Wegfall von Noten, der Wegfall von Kopfnoten und vor allen Dingen der Wegfall der Eignungsempfehlung nach der Klasse 4. Nach der aktuellen IQB-Studie, die zum Ergebnis hat, dass wir in Deutschland und im Vergleich zu 2011 im Bereich Mathematik und Rechtschreibung deutlich Verschlechterungen festzustellen haben, bei vergleichbaren Ergebnissen der Lesekompetenz, aber gleichzeitig die Bundesländer, die eine Grundschulempfehlung haben, nämlich Bayern und Sachsen, vorne stehen, muss man darüber ernsthaft nachdenken.

Bremen ist zwar deutscher Inklusionsmeister, liegt aber in der Leistungstabelle genauso hinten wie Berlin als deutscher Ganztagsmeister. Schlussfolgerungen möge jeder für sich ziehen.

Im Bereich der weiterführenden Schulen ist seit langer Zeit zumindest partiell Auswendiglernen, wiederholendes Lernen ebenso verpönt wie das Schreiben von Diktaten. Lückentexte statt Textaufgaben mit dem Ergebnis, dass sinnerfassendes Lessen durch mangelnde Sprachfähigkeit immer schwerer wird. Wir haben zunehmend fächerübergreifenden Unterricht, zunehmend Seiteneinsteiger im Schuldienst, in Berlin Tendenz Richtung 40 Prozent, so dass sich die Frage nach der Professionalität des Lehrerberufs dort stellt. Wir haben die pädagogischen Ladenhüter der Gemeinschaftsschule, der sechsjährigen Grundschule, des längeren gemeinsamen Lernens. All dies trägt nicht zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit bei, wie alle seriösen Studien belegen, sondern im Gegenteil.

Wir haben im Bereich des Abiturs sehr unterschiedliche Anforderungen bezogen auf die Bundesländer. Manchmal vier Prüfungsfächer, manchmal fünf, Leistungskurse und Grundkurse mit unterschiedlichen Stunden ausgestattet, und es macht einen Unterschied, ob bei der mündlichen Abiturprüfung in Bayern der Stoff aus drei Halbjahren abgefragt wird oder wie in Hamburg nur aus zwei. In Niedersachsen gibt es die zweite Fremdsprache nicht mehr durchgängig bis zum Abitur. Und die Qualität des Zentralabiturs in Berlin hat Professor Klein von der Frankfurter Universität am Beispiel der Aufgaben im Fach Biologie so dargestellt, dass ein guter Neuntklässler diese Aufgabe lösen kann. Und so verwundert es nicht, wenn in Berlin im Jahr 2002 17 Abiturienten mit 1,0 abgeschlossen haben, im Jahr 2012 234.

Zur Nivellierung gehört auch, dass man in der Oberstufe im Abitur die Bedeutung der Sprachrichtigkeit in Deutsch ebenso abgewertet hat wie die Bedeutung des Fehlerindexes in der Fremdsprache, und zwar zugunsten „einer integrativen Sprachbewertung“, da die kommunikative Kompetenz entscheidend sei. Wie will man, überspitzt formuliert, eigentlich fremdsprachige Texte sinnerfassend lesen, wenn man beispielsweise die Sprachrichtigkeit nicht erkennen kann. Und schließlich die aus meiner Sicht unsägliche Kompetenzorientierung, die auf Fachwissen tendenziell verzichtet und damit zur Inkompetenz führt.

Über das Ergebnis muss man sich nicht wundern. Im „Spiegel“ haben im März diesen Jahres 130 Professoren einen Brandbrief veröffentlicht bezüglich der Studierfähigkeit der Abiturienten im Fach Mathematik. Hier gebe es dramatische Defizite. Es muss auch nicht verwundern, dass die Studienabbrecherquote in der Größenordnung bei 30 Prozent liegt. Im Übrigen steigt leider auch die Zahl der Abbrüche von Ausbildungsstellen von Lehrlingen. Abgesehen von den volkswirtschaftlichen Aspekten ist jedes abgebrochene Studium mit allerdings teilweise sehr unterschiedlichen Ursachen dennoch ein schmerzhafter Einschnitt in die Persönlichkeitsentwicklung.

Im Rahmen der gesellschaftspolitischen Fehlentwicklung lassen in Stichworten die 68er grüßen. Sekundärtugenden waren und sind verpönt, Disziplin, Aufmerksamkeit, Ordnung, Arbeitshaltung, Fleiß, Leistungsbereitschaft, Umgangsformen. Laissez-faire in der Schule begünstigt fehlende Frustrationstoleranz, die Entwicklung von Narzissten, fehlende Teamfähigkeit und soziale Kompetenz. Schüler brauchen auch einmal Widerstand im Unterricht, begründete Korrektur durch den Pädagogen, den Fachmann. Und deshalb wundert es mich schon, dass Lehrer nicht lauthals dagegen protestieren, dass sie von der Politik und sogenannten Bildungsreformern künftig nur noch als Moderator von Bildungsprozessen angesehen werden. Die Krönung ist, Kinder sollen selbstständig festlegen, was sie in welcher Form (Reihenfolge…) lernen. Dies führt zu einer klaren Benachteiligung der Kinder, die aus einem bildungsfernen Elternhaus kommen.

Stichwortartig seien zu den gesellschaftlichen Problemfeldern weiter genannt: zunehmende Erziehungsdefizite - deshalb benötigen wir heute leider Schulsozialarbeit, die Fehlentwicklung im Bereich der Inklusion. Es gibt eindeutig eine Grenze der gemeinsamen Beschulbarkeit. Und im Übrigen gibt es auch zu wenige ausgewiesene Förderschullehrer, die als Spezialisten zur Verfügung stehen. Zu glauben, dass man mit ein klein wenig Fortbildung aus einem Grundschullehrer, einem H + R-Lehrer einen Förderschulexperten machen kann, gehört in das Reich der Fabel. Es ist eine Ohrfeige für die hohe Professionalität der gelernten Förderschullehrer, die es verstehen, einem schwierigen Klientel in kleinen Gruppen eine für ihre Verhältnisse optimale Förderung angedeihen zu lassen.

Zu den Fehlentwicklungen gehört die überbordende Migration, wobei es nicht um das ausländische Kind geht, das perfekt Deutsch spricht, sondern um die, die sprachliche Defizite haben. Das ist leider die große Mehrheit. Fremde Kulturen, unterschiedliche Rolle von Mann und Frau, ethnische Konflikte, Religionskonflikte, politische Konflikte im Unterricht, fehlende Kulturtechnik, Bildungsabstinenz in vielen Elternhäusern.

Politisch nicht korrekt

Selbst das IQB kommt in seiner Studie zum Ergebnis, dass die Leistungen 2016 im Vergleich zu 2011 unter anderem wegen der Migration schlechter geworden sind (die Flüchtlingsproblematik 2015/2016 ist nicht enthalten). Und das Institut der Deutschen Wirtschaft kommt im März dieses Jahrs zum Ergebnis, dass die Zuwanderung das Leistungsniveau senkt. Ähnliches ist im Übrigen einem Kommentar der FAZ im Oktober dieses Jahrs zu entnehmen, und auch die KMK-Präsidentin Eisenmann (CDU, Baden-Württemberg) kommt zu einem gleichen Ergebnis.

Konsequenzen

Wir benötigen eine drastische Reduzierung des Zuzuges insgesamt. Dabei geht es nicht um das Thema Asyl, Asylmissbrauch, sondern es geht auch um das Thema der Armutsmigration aus osteuropäischen Staaten. Schulen, gerade in Ballungsgebieten können diese Probleme nicht mehr alleine lösen. Wer sich als Migrant weigert, seiner Verpflichtung zur Integration nachzukommen, das heißt prioritär, die deutsche Sprache zu erlernen, der muss die entsprechenden Konsequenzen zu spüren bekommen. Wir brauchen eine ganz klare Verlangsamung der Inklusion, eine Entideologisierung, das klare Bekenntnis zu den Förderschulen. Wir brauchen im Bereich der Grundschulen die Wiedereinführung der Kopfnoten und der Benotung, die Eignungsempfehlung, um am Ende der Klasse 4 auf der Basis von klaren inhaltlichen Anforderungen Eltern beraten zu können, für welche Schulform ihr Kind am ehesten geeignet ist, wobei bei der Durchlässigkeit des deutschen Schulwesens Spätstarter gleichwohl alle Chancen berechtigterweise haben.

Wir müssen die Wortschatzanforderung erhöhen, und wir müssen vor allen Dingen die Stundentafeln im Bereich der Grundschule weiter anheben. Derzeit liegen wir bei 92 Jahreswochenstunden, zu rot-grüner Zeit waren es noch 87. Aber wir benötigen eine Größenordnung von 95 bis 98, um damit die Kernkompetenzen vor allen Dingen in Deutsch und Mathematik zu stärken. Wir müssen im Bereich der weiterführenden Schulen den pädagogischen Mut haben, die Notenskala mehr als bisher auszunutzen, das Instrument der Klassenwiederholung stärker nutzen, prüfen, inwieweit Klassenarbeiten wirklich immer angekündigt werden müssen, die Rolle des Lehrers als Fachmann verstärkt herausarbeiten. Dies bedeutet einen entsprechenden Anteil an direkter Instruktion im Unterricht, was Phasierung, selbstständiges Lernen, Gruppenarbeit… nicht ausschließt. Wir müssen im Unterricht Ruhe und Disziplin einfordern, auch Sanktionsmöglichkeiten an die Hand geben. Schulleitung und Schulaufsicht inklusive Kultusministerium müssen mehr als bisher deutlich machen, dass sie hinter ihren Kolleginnen und Kollegen stehen und sich nicht aus falsch verstandener Political Correctness wegducken und Kollegen alleine lassen. Das ist das Gefühl vieler.

Bei Integrationsverweigerern, Schulschwänzern muss man ernstlich prüfen, inwieweit finanzielle Sanktionen eingeführt werden können, denn solange nichts Spürbares passiert, wird nichts geschehen. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zum Leistungsprinzip, zur Elitenförderung, zur Aufwertung der Abiturprüfung, zum Rückgängigmachen der Nivellierungen, denn sonst wird eines passieren, dass an den Universitäten künftig Aufnahmeprüfungen stattfinden werden, wobei das ohnehin zu prüfen ist, denn wenn jemand ein Numerus-Clausus-Fach wie Medizin studiert, dann ist er abhängig von seinem Abitur-Notendurchschnitt. Und wenn der Notendurchschnitt zwischen Bayern und Bremen erheblich differiert, ist dies eine klare Benachteiligung bayerischer Schüler (Hessen ist bei allen Leistungsvergleichen im Übrigen sehr ordentlich aufgestellt).

Wir müssen im Rahmen der Lehrerausbildung – Stichwort Praxissemester – auf die Ausbildung der Lehrerpersönlichkeit achten, und Lehrer müssen sich allerdings gelegentlich auch selbst fragen lassen, was sie zur Erhöhung des Ansehens selbst beitragen. Insgesamt brauchen wir eine Anerkennungskultur für die unglaublich schwierige und herausfordernde Rolle des Lehrers durch die Öffentlichkeit, durch die Politik, aber auch durch die Medien. Der Beruf des Pädagogen ist ein wunderbarer Beruf, weil man junge Menschen im besten Sinne des Wortes formen, führen, leiten kann und ihnen Fachwissen als Rüstzeit für ihren späteren erfolgreichen Lebensweg auf den Weg geben kann. Was gibt es eigentlich Schöneres, als junge Menschen fit für die Zukunft zu machen?“

Über den Autor

Hans-Jürgen Irmer
Hans-Jürgen Irmer
Bundestagsabgeordneter der CDU Lahn-Dill
Herausgeber Wetzlar Kurier
Aktuelle Ausgabe12/2017