Unfassbar!

Lahn-Dill-Kreis macht Werbung für hochrangigen Scientologen aus Wetzlar

Vor kurzem hat der Lahn-Dill-Kreis eine Karte des Kreises herausgegeben. Dem Impressum ist zu entnehmen, dass die Kreisverwaltung verantwortlich ist. Ersteller der Broschüre ist der Verwaltungs-Verlag. Umrahmt wird die Karte durch Werbeanzeigen von klassischen mittelständischen Firmen.

Auf der inneren Umschlagseite dieses DIN-A-6-formatigen Flyers prangt ganzseitig eine Anzeige eines bekannten Wetzlarer Scientologen, des Zahnarztes Dr. T.R., der, schaut man im Internet nach, Präsident der sogenannten Scientology-Kirche Frankfurt ist. Scientology nennt sich selbst Kirche, wird aber in der Regel als Sekte bezeichnet, denn einen wie auch immer gearteten Gottesbezug gibt es ebenso wenig wie für jedermann frei zugängliche Kirchen oder Kirchengebäude. Im Gegenteil, alles was bei Scientology läuft, läuft weitgehend im Verborgenen, denn das finale Endziel ist die Erlangung der Weltmacht. Dazu versucht man sehr gezielt, Institutionen, Verbände und Parteien zu unterwandern, wobei das zunächst primäre Ziel darin besteht, Geld zu bekommen. So ist denn die „Kriegskasse“ von Scientology in aller Regel gut gefüllt.

Scientology wurde in den 50er Jahren von L. Ron Hubbard als sogenannte Kirche gegründet. Bis dahin, so beschreibt es die Evangelische Kirche im Rheinland, war Hubbard Marinesoldat und Autor von Sciencefiction-Romanen. Ziel von Scientology, zumindest offiziell, ist es, ein Wesen, also den Menschen, zu höheren Stadien des Seins und der Fähigkeit zu bringen mit dem Ziel der Unsterblichkeit. Und deshalb verwundert es auch nicht, wenn Verträge unter Scientologen, wie ein Ex-Scientologe in einer öffentlichen Versammlung in Wetzlar einmal berichtete, eine Laufzeit von einer Million Jahren haben können.

Nach Auffassung von Scientology ist jedes menschliche Wesen eine unsterbliche Geistseele, also ein Thetan, die den Körper bewohnt. Im Laufe seiner verschiedenen Existenzen hat sich der Mensch, so Scientology, versklaven lassen und seinen ursprünglichen reinen Zustand vergessen. Er wird belastet durch sogenannte Engramme, also Eindrücke aus früheren Leben, die ihn heute daran hindern, diesen Reinheitsgrad wieder zu erreichen, also clear zu werden. Deshalb müssen diese Engramme beseitigt werden, bis der Mensch clear und damit de facto unsterblich ist. Es stellt sich die Frage, warum L. Ron Hubbard als Begründer gleichwohl verstorben ist.

Das Ganze kostet viel Geld

Natürlich ist die Unsterblichkeit nicht umsonst, denn um diese zu erreichen, muss man viel Geld in den verschiedenen Kursen, Sitzungen, Tagungen… hinterlassen. Man fängt ja schließlich auch klein an. Irgendwann wird man dann Operierender Thetan (OT 1) bis hin zu OT 8. Wer es bis dahin geschafft hat, hat entweder selbst viel Geld investiert (hier diskutieren wir über weit über sechsstellige Beträge) oder er lässt Leute für sich arbeiten. Dabei ist Scientology straff organisiert mit im Übrigen eigenen Regeln und Gesetzen, die bis hin zur Bestrafung reichen. Der Hauptsitz ist in Clearwater in Florida. Mit Gegnern geht man nicht zimperlich um. Es gibt viele Berichte von Aussteigern, die massiv bedroht wurden, nachdem sie zu erkennen gaben, aus Scientology aussteigen zu wollen, was im Grunde genommen eigentlich gar nicht möglich ist.

Wie man Scientology-Kritikern begegnen soll, hat L. Ron Hubbard in Kurzform wie folgt formuliert:

1. „Finde heraus, wer uns angreift.“

2. „Beginne sofort, sie (die Angreifer) auf Verbrechen oder Schlimmeres zu untersuchen und verwende dabei eigene Fachleute.“

4. „Beginne die Presse zu füttern mit finsterem Blut, Sex und Verbrechen…“

Nachzulesen in einem Buch über Jugendreligionen von Friedrich W. Haack.

In einem sogenannten HCO Policy Letter, das nur an hochrangige Scientologen gegangen ist, heißt es bezüglich der Bekämpfung der Gegner wie folgt:

„Lokalisiere die möglichen Ärgernisverursacher, indem du nach Leuten Ausschau hältst, die Gerüchte verbreiten. Finde dann den Unterdrücker und „drück ab“.

Fazit:

Über Scientology und die Machenschaften der sogenannten Kirche ist in den letzten Jahrzehnten mehrfach berichtet worden. In den letzten Jahren ist es zumindest nach außen etwas ruhiger geworden, weil man lieber im Untergrund wirkt. Es ist nach Auffassung der CDU-Kreistagsfraktion schon bemerkenswert, dass jetzt einer der vermutlich höchstrangigen Scientologen Deutschlands, möglicherweise mit der Vergesslichkeit spekulierend, öffentlich mit einer Anzeige in Erscheinung tritt, wobei die CDU dem Kreis nicht unterstellt, wissentlich das Geschäft von Scientology betreiben zu wollen. Aber Unwissenheit schützt bekannterweise vor Strafe nicht.

Die CDU wird daher zur nächsten Kreistagssitzung einen Antrag einbringen, in dem der Kreisausschuss aufgefordert wird, im zuständigen Fachausschuss darüber zu berichten, wie es zu dieser Anzeige und der damit verbundenen Werbung indirekter Art für Scientology kommen konnte. Tag für Tag fallen immer wieder Menschen auf die nicht ungeschickten Anwerbeversuche herein. Mit der Beantwortung eines Fragebogens, der mit Scientology anscheinend überhaupt nichts zu tun hat und an dessen Ende immer ähnliche Ergebnisse herauskommen. Es wird festgestellt, dass man psychisch labil ist, heimliche Schwächen hat. Und nur die Anbieter dieses Fragebogens sind dann in der Lage, die Probleme einer Lösung zuzuführen. Und wer wollte sich nicht helfen lassen, da jeder Mensch neben den Stärken auch Schwächen hat.

Dann gibt es den Purification Rundown, einen sogenannten Selbstreinigungskurs, Saunagänge und vieles andere mehr. Man kommt ins Gespräch, man steht im Mittelpunkt. Kurzum, die Angel ist ausgelegt, und irgendwann kommt final das sogenannte Auditing, was nichts anderes als eine Art Gehirnwäsche ist und wer die hinter sich hat, für den ist Scientology wichtiger als die eigene Familie und alles andere. Er ist dann in totaler Abhängigkeit dieser Sekte und wird finanziell ordentlich ausgenommen. Denn man darf nicht vergessen, Ziel ist die Unsterblichkeit, die man erreicht, wenn man über verschiedene Brücken, die alle in der Summe viel Geld kosten, gegangen ist. Und wer wollte nicht unsterblich werden?

Aktuelle Ausgabe10/2017